Der S&P 500 markiert neue Rekorde, während in der Straße von Hormuz kein Tanker mehr fährt. Unter der Oberfläche ziehen die Preise an – und die Rally steht auf einem schmaleren Fundament, als die Schlagzeilen nahelegen.
Von Michael Arpe & Tobias Gabriel
Dezember ist noch fern, und doch fühlt sich das Jahr an, als neigte es sich bereits seinem Ende zu. Ein Blick zurück auf die vergangenen hundert Tage genügt, um zu verstehen, warum: Anfang Januar ließ das US-Militär Venezuelas Präsidenten Maduro verhaften. Wenig später drückte eine plötzliche KI-Panik die Kurse der großen Softwarefirmen. Der Supreme Court kippte im Frühjahr Donald Trumps Zoll-Paket aus dem vergangenen „Liberation Day”. Und schließlich eskalierte der Nahe Osten: Israel und die USA griffen den Iran an, zentrale Führungsfiguren wurden getötet, Friedensgespräche blieben bisher ergebnislos – und die Straße von Hormuz ist seitdem gesperrt.
Und dann, quasi nebenbei, markiert der S&P 500 gestern ein neues Allzeithoch – 7.023 Punkte.
Wer diesem Widerspruch mit dem gesunden Menschenverstand begegnet, wird ratlos. Die Kurse müssten doch unten sein – noch weiter unten. Doch an der Börse gilt ein anderes Zeitgefühl: Sie spielt nie den heutigen Tag, nicht einmal den aktuellen Monat. Sie blickt nach vorn. Und offenbar sagt sie: Dieser Krieg ist ein vorübergehendes Phänomen – hinterher wird sich die Welt wieder einsortieren. Langfristig orientierte Investoren kaufen entsprechend heute schon ein, weil sie hinter den schlechten Nachrichten die günstigeren Preise sehen.
Die V-förmige Rally – und was unter ihr liegt
Die Erholung seit dem Zwischentief am 30. März ist eindrucksvoll. Knapp zweieinhalb Wochen, fast zehn Prozent nach oben, neues Hoch. Wer nur auf den Indexstand schaut, sieht die perfekte V-Formation. Wer einen Schritt zurücktritt, sieht etwas anderes: Der marktgewichtete S&P 500 ist seit dem Tief rund 9,8 Prozent gestiegen. Der gleichgewichtete – also derselbe Index, bei dem jede Aktie gleich viel zählt – nur 6,1 Prozent. Der Mega-Cap-Korb aus den sieben größten US-Tech-Titeln hat sogar um knapp 15 Prozent zugelegt.
Das ist keine Haarspalterei. Es heißt: Die Rally wird von einer Handvoll Unternehmen getragen, während die Breite des Marktes zögert. Mitte April lagen nur rund 43 Prozent der Aktien im S&P 500 überhaupt über ihrer 50-Tage-Linie – mitten in einer Rally, die neue Rekorde produziert. Die zehn schwergewichtigsten Titel machen inzwischen gut 35 Prozent des Indexgewichts aus. Ein einziger enttäuschender Quartalsbericht bei Nvidia, Apple oder Microsoft kann den gesamten Index spürbar bewegen. Das ist kein Verkaufssignal. Es ist ein Hinweis, dass das Fundament schmaler ist, als es die Schlagzeile „neues Allzeithoch” suggeriert.
Was wirklich bleibt: die Inflation
Was uns länger begleiten wird als jede Rally, sieht man an jeder Tankstelle. Eine gesperrte Hormuz-Straße verknappt Öl, die Lieferkette hakt, Unternehmen geben höhere Kosten weiter – und plötzlich ist „Inflation” wieder das Wort auf der Titelseite jeder Wirtschaftszeitung. Die offiziellen Zahlen klingen noch harmlos: Die US-Verbraucherpreise liegen rund drei Prozent über dem Vorjahr, der Erzeugerpreisindex ist im März auf ein Drei-Jahres-Hoch von vier Prozent geklettert, getrieben vor allem von den Energiepreisen.
Interessanter ist das, was hinter den Kulissen passiert. In den Umfragen der amerikanischen Einkaufsmanager – den sogenannten PMI-Prices-Paid-Indizes – sprang die Preis-Komponente im März auf die höchsten Werte seit dem Sommer 2022, also seit dem Höhepunkt der letzten Inflationswelle. Kein einziger der abgefragten Rohstoffe wurde als günstiger gemeldet. Historisch lief diese Umfrage den offiziellen Inflationsdaten um rund ein halbes Jahr voraus. Man muss daraus keine Panik machen. Aber man darf festhalten: Im Herbst dieses Jahres ist eher mit höheren Inflationszahlen zu rechnen als mit niedrigeren.
↑ 78,3
~3 %
~5 %
Inflation ist eigentlich immer da. Sie gehört zum System. Und seit Jahrtausenden hat sie vor allem einer Seite gedient: den Mächtigen, nicht den Bürgern.
Das Tückische daran ist der Selbstbetrug, den sie in unseren Köpfen auslöst. Wer 100.000 Euro anlegt und ein paar Jahre später 120.000 Euro auf dem Auszug sieht, fühlt sich reicher. Doch er kann mit diesen 120.000 Euro unter Umständen weniger kaufen als ursprünglich mit den 100.000. Das ist kein Detail für Lehrbücher – das ist die Realität eines Anlegers. Und sie zwingt uns zu einer Rechnung, die kaum jemand im Kopf hat:
„Ich brauche als Kapitalanleger ungefähr fünf Prozent Rendite, nur um mein Vermögen zu erhalten. Nichts mit Wertsteigerung."
Drei Prozent Inflation, dazu rund 1,5 Prozent Steuern auf die Rendite – und fünf Prozent reichen gerade so, um die Kaufkraft zu halten. Alles darunter ist stiller Vermögensverlust. Und das bei einer Zahl, die die Notenbanken bewusst als „normal” etabliert haben: dem berühmten 2-Prozent-Inflationsziel. Dass diese Zahl eher zufällig entstanden ist – einst in einer Sitzung eines australischen Parlamentsausschusses vor drei bis vier Jahrzehnten festgehalten – wird in keiner Pressemitteilung betont.
Die Fed wartet – aus gutem Grund, und aus Sorge
Die amerikanische Notenbank hat die Lektion von 2021 und 2022 offensichtlich verinnerlicht. Im Protokoll der März-Sitzung taucht das Wort „transitory”, also „vorübergehend”, kein einziges Mal auf – 2021 war es noch allgegenwärtig und wurde im Rückblick zum Symbol für einen der teuersten geldpolitischen Fehler der jüngeren Vergangenheit. Diesmal räumen die Währungshüter selbst ein, dass die Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel länger dauern könnte als erhofft und dass das Risiko dauerhaft höherer Preise gestiegen ist. Gleichzeitig rühren sie den Leitzins seit Monaten nicht an. Mehr Zinsen würden die Wirtschaft bremsen. Weniger Zinsen könnten die Inflation verfestigen. Also: abwarten.
Für Anlegerinnen und Anleger ist das weniger eine Prognose als ein Signal: Die Rahmenbedingungen bleiben unbequem – höhere Teuerung, hartes Zinsumfeld, geopolitische Schlagzeilen. Prognosen darüber, wann sich das auflöst, gibt es viele. Verlässlich sind sie selten.
Warum Prognosen in dieser Gemengelage nicht weiterhelfen
Die Angst der Börsen vor Inflation ist keine philosophische. Steigt sie zu stark, müssen die Notenbanken die Zinsen oben halten. Höhere Zinsen bremsen die Wirtschaft, schmälern Unternehmensgewinne – und im schlimmsten Fall droht eine Schleife, die uns aus den 1970er-Jahren bekannt ist. Die Notenbanken fürchten diese Spirale zu Recht.
Das Problem an jeder Prognose ist jedoch nicht, ob sie eintrifft – sondern wann. Wer vier Jahre zu früh Recht bekommt, hat in der Zwischenzeit oft das falsche Geld verdient oder das richtige Geld verloren. Für einen Privatanleger ist es deshalb bemerkenswert befreiend zu wissen: Man kann Vermögen aufbauen, ohne eine Prognose zu brauchen.
Die leise Alternative: ein Depot für jedes Wetter
Der Weg dahin heißt Diversifikation – aber richtig verstanden. Nicht nur quer über Aktien hinweg, sondern über Anlageklassen hinaus: Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Edelmetalle, in geeigneten Fällen auch illiquide Anlagen wie Private Equity. Diese Bausteine bewegen sich nicht im Gleichschritt, sondern zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach oben. Dadurch entsteht ein Depot, das ruhiger verläuft, als es viele Aktien-Puristen je für möglich halten – und dennoch aktienähnliche Erträge liefern kann.
Unser sogenanntes Allwetter-Konzept orientiert sich an genau zwei Fragen: Wächst oder schrumpft die Wirtschaft? Und: Steigt oder fällt die Inflation? Abhängig von diesen Antworten wird das Portfolio in Nuancen angepasst, die Grundstruktur bleibt jedoch fest. Gold gehört dabei dazu – auch wenn Warren Buffett es seit Jahrzehnten als nutzlos bezeichnet. Wer es in den vergangenen Jahren anders sah, hat überdurchschnittlich profitiert.
Prognose-Depot
Wette auf die Zukunft
Funktioniert nur, wenn die Richtung stimmt – und der Zeitpunkt. Beides richtig zu treffen, gelingt selbst Profis selten. Kostet Nerven und häufig Rendite.
Allwetter-Depot
Strategie für jede Wetterlage
Setzt auf Streuung über Anlageklassen, nicht auf Hellseherei. Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Edelmetalle greifen wie Zahnräder ineinander – bei Krieg, Inflation oder Börsenparty.
Der schwerste Teil sitzt im Kopf
Keiner kauft gerne, wenn die Kanonen donnern. Der Schnäppchenjäger, der früher im Sommerschlussverkauf für ein T-Shirt mit 30 Prozent Rabatt bereitwillig 30 Kilometer fuhr, scheut an der Börse vor denselben Rabatten zurück – weil sie immer von schlechten Nachrichten begleitet sind. Genau deshalb helfen Jahrzehnte alte Weisheiten: Wenn der Frieden da ist, sind die Preise längst wieder oben. Die Vorwegnahme findet statt, bevor die Tagesschau davon berichtet.
Ein praktischer Test für Ihren eigenen Newsfeed: Kaufen Sie zwei Wochen lang eine Wirtschaftstageszeitung, aber lesen Sie sie nicht sofort. Erst nach vierzehn Tagen blättern Sie durch den Stapel. Die meisten Ausgaben landen im Papierkorb, ohne dass Sie etwas vermisst hätten. Schon der Übungseffekt reicht, um vieles zu relativieren.
Und in zehn Jahren?
Fragen Sie sich im Zweifel: Wie wichtig wird das, was uns heute beschäftigt, im Jahr 2036 noch sein? Für Geschichtsbücher gewiss manches. Für Kapitalmärkte fast nichts. Der Ölpreisspike 2026 wird dann eine Fußnote sein. Wer langfristig anlegt, wer nicht im Sekundentakt handelt, und wer sein Depot breit über alle Wetterlagen aufgestellt hat, darf die aktuellen Schlagzeilen entspannt auf sich zukommen – und wieder gehen – lassen. Genau das ist der Mehrwert, den wir meinen, wenn wir über entspanntes Investieren sprechen.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren”, Folge 2 (16. April 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.