Drei Märkte ziehen synchron nach oben – Aktien, Anleihezinsen, Ölpreise. Lehrbuch-Logik sagt: geht nicht. Was die Märkte gerade wirklich erzählen.
von Joshua Pauls & Tobias Gabriel
An einem ganz normalen Freitag im Mai passierte etwas, das im Lehrbuch nicht vorgesehen ist. Innerhalb weniger Stunden sprangen die Renditen langlaufender Staatsanleihen in Japan, in den USA und in Europa fast gleichzeitig nach oben. Aktien und Rohstoffe stiegen mit. Drei Märkte, die in der Theorie häufig in unterschiedliche Richtungen laufen, zogen plötzlich am selben Strang – nach oben. Für Anlegerinnen und Anleger, die auf das „eigentlich“ ihrer Lehrbücher vertrauen, ist das ein irritierender Moment.
Das ist aber keine Störung im System. Es ist das System. Kapitalmärkte sind keine Maschinen, die feste Regeln abspielen. Sie sind das gesammelte Urteil von Millionen Teilnehmern darüber, wie wahrscheinlich gerade was ist – und dieses Urteil kann sich an einzelnen Tagen sehr schnell drehen. Genau darum geht es in unserer aktuellen Podcast-Folge. Und es führt zu einer Frage, die wir uns als Anleger derzeit alle stellen sollten: Wem vertraue ich eigentlich noch mein Geld an?
Die Vertrauensfrage in Zahlen
Schauen Sie auf zwei Anleihen, die diese Woche nebeneinander am Markt waren. Google hat eine Anleihe bis 2030 ausgegeben – vier Jahre Laufzeit, Kupon: 1,1 Prozent. Der amerikanische Staat zahlt auf seine zweijährigen Schuldtitel derzeit rund 4,1 Prozent. Auf die zehnjährigen rund 4,6 Prozent. Der Leitzins der US-Notenbank liegt bei 3,75 Prozent, doch der Markt preist eher eine nächste Erhöhung als eine Senkung ein. An Prediction Markets wie Kalshi sind Zinserhöhungen für dieses Jahr inzwischen mit rund 30 Prozent eingepreist – vor wenigen Wochen waren es noch zehn.
USA · Staatsanleihe 2 Jahre
4,1 % Zinsen
Der größte Schuldner der Welt zahlt mehr als eine vierfache Prämie.
Google (Alphabet) · Anleihe bis 2030
1,1 % Zinsen
Vier Jahre Laufzeit, eine starke Bilanz – der Markt schenkt Vertrauen.
Das ist Vertrauen in Reinform – gemessen in Basispunkten. Investoren verlangen heute von der Bundesregierung in Washington spürbar mehr Zinsen als von einem privaten Unternehmen aus Kalifornien. Bei Staatsanleihen vertrauen Sie der Politik, dem Haushalt, der Notenbank. Bei einer Unternehmensanleihe vertrauen Sie einer Bilanz, einem Geschäftsmodell, einem Cashflow. Beides sind Versprechen für die Zukunft – aber sie kosten gerade nicht mehr dasselbe.
„Diese Vertrauensfrage muss man sich stellen – und sie fällt im Moment in Zahlen ziemlich klar aus.“
— Tobias Gabriel im Podcast „Entspannt investieren“, Folge 7
Bewertet ist hoch – aber nicht ohne Substanz
Mit derselben Nüchternheit lohnt der Blick auf die Aktienseite. Ja, die Indizes stehen weit oben. Das Schiller-KGV – das die aktuelle Bewertung in Beziehung zu den inflationsbereinigten Gewinnen der letzten zehn Jahre setzt – nähert sich der 40. Im Jahr 2000 stand es bei rund 38, und alle wissen, was danach kam. Diese Erinnerung sitzt tief, und sie hat ihre Berechtigung.
Aber sie erklärt das Bild nicht allein. Das vorausschauende Kurs-Gewinn-Verhältnis im S&P 500 ist seit dem Jahresende 2025 von rund 23 auf 20,9 gefallen – obwohl die Kurse gestiegen sind. Wie kann das sein? Weil die Unternehmensgewinne schneller wachsen als die Kurse. Der Markt wird also relativ günstiger, obwohl er teurer wirkt. Es ist nicht Euphorie, die hier nach oben drückt – es sind Earnings. Dieser Unterschied zu Pets.com und den anderen Schönwetterhoffnungen des Jahres 2000 ist substanziell.
1,1 %
bis 2030
4,1 %
2 Jahre
20,9
(vorher 23 Ende 2025)
Das heißt nicht, dass alles billig ist. Einzelne Titel wie Tesla oder Palantir handeln mit dem 140-fachen ihres Gewinns – da ist viel Fantasie eingepreist, und sie kann auch wieder ausgepreist werden. Aber Pauschalurteile vom Typ „Die ganze Börse ist eine Blase“ zielen am eigentlichen Bild vorbei. Das CAPE war 1996 bei 25, viele hielten es damals für überhitzt – der Markt verdoppelte sich danach trotzdem noch einmal. Bewertungsmaße sind hervorragende Beschreibungen der Gegenwart, aber sehr unzuverlässige Timing-Signale für die Zukunft.
Wahrscheinlichkeitsmaschinen statt Lehrbuch
Hinzu kommt ein struktureller Punkt. Die Firmen, die heute den Markt anführen, sind nicht mehr die Unternehmen, für die unsere klassischen Bewertungskennzahlen einmal entwickelt wurden. Ein Volkswagen brauchte für mehr Umsatz mehr Standorte, mehr Mitarbeiter, mehr Anlagevermögen. Ein Software- oder Plattformkonzern wie Alphabet liefert zusätzlichen Umsatz heute zu nahezu keinen Grenzkosten – fünf Produkte mit jeweils mehr als drei Milliarden Nutzern. Buchwert, Eigenkapitalquote, klassische Anlageintensität verlieren in dieser Welt einen Teil ihrer Aussagekraft. Das ist nichts, was man bejubeln muss. Es ist etwas, das man zur Kenntnis nehmen sollte, bevor man pauschal mit 2000 vergleicht.
Bleibt der Faktor, der das alles stören kann: Inflation und die Frage, was die Notenbank tut. Mit Kevin Warsh sitzt ein neuer Mann an der Spitze der Federal Reserve, knapp bestätigt und unter erheblichem politischen Druck. Er wird, wenn das Bild verlangt, andere Inflationskennzahlen in den Vordergrund stellen – Trimmed-Mean, Median – und so die Erzählung steuern. Nur: Das löst das eigentliche Problem nicht. Notenbanken steuern das kurze Ende der Zinskurve. Das lange Ende, auf dem Staaten und Unternehmen sich finanzieren, entzieht sich ihrem direkten Zugriff. Wenn dort der Vertrauensabschlag wächst, hilft kein neuer Indikator. Dann hilft nur Glaubwürdigkeit.
Was Sie daraus mitnehmen können
Erstens: Lassen Sie sich von der Schlagzeile „Allzeithoch – ist das nicht eine Blase?“ nicht zu schnellen Entscheidungen treiben. Bewertungen sind kein Timing-Werkzeug. Wer 1996 wegen des CAPE ausgestiegen ist, hat vier sehr gute Börsenjahre verpasst. Zweitens: Die Vertrauensfrage lässt sich in Ihrem Portfolio gut adressieren. Eine breite Streuung über Anlageklassen – Aktien hoher Qualität, Unternehmensanleihen mit solider Bilanz, Rohstoffe, je nach Profil auch Gold – ist kein Pflichtprogramm, sondern eine Versicherung gegen das Szenario, in dem Sie sich gerade nicht auf die nächste Lehrbuch-Regel verlassen können. Drittens: Hypothesen sind erlaubt, sogar wertvoll – nur handeln sollte niemand allein nach ihnen.
Manchmal ist die ruhigste Position die beste. Nicht aus Ängstlichkeit, sondern aus Überblick. Wir sehen drei Märkte gleichzeitig steigen, hören die Kanonen der Aktualität und spüren die Verlockung, Position zu beziehen. Wer als langfristiger Anleger jetzt sein Depot strukturell prüft – auf Qualität, Streuung, Verstehbarkeit – statt auf Schlagzeilen zu reagieren, hat das wichtigere Werkzeug in der Hand. Manchmal sind es eben die langweiligen Themen, die am Ende den größten Unterschied machen.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt Investieren“, Folge 7 (20. Mai 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.