Halbleiter-Aktien legen 47 Prozent in 18 Handelstagen zu — und Software-Werte fallen. Das ist mehr als nur eine Mode.
von Tobias Gabriel & Joshua Pauls
Stellen Sie sich vor, Sie laufen das Rennen Ihres Lebens. Sie sind ein Jahr lang in Form, Sie kennen jede Steigung, Sie sprinten 100 Meter in unter 17 Sekunden — und das 422 Mal in Folge. Sie kommen ins Ziel mit einer Weltrekordzeit. Und werden Dritter. Diese Szene gab es am vergangenen Sonntag tatsächlich beim London Marathon: Drei Läufer schneller als jemals zuvor — Sebastian Sawe gewann unter zwei Stunden, als zweiter Mensch der Geschichte.
Ähnliches geschieht gerade an den Kapitalmärkten. Während die meisten Aktien müde mitlaufen, hat eine kleine Gruppe Halbleiter-Werte einen Sprintrekord aufgestellt, den es in 32 Jahren noch nie gegeben hat. Plus 47 Prozent in 18 Handelstagen. Jeder einzelne davon mit positivem Schluss. Und das, obwohl die Welt — Iran-Krieg, Hormuz-Sperre, schwacher Konsum — eigentlich Bremsspuren erwarten ließe.
+47%
seit 30. März 2026
18
(Allzeit-Rekord)
41%
am S&P 500
Halbleiter sind kein einzelnes Phänomen, sondern eine Wertschöpfungskette
Der Philadelphia Semiconductor Index — kurz SOX — ist seit 1993 der Maßstab für den Sektor. Eine 18-tägige Siegesserie hatte er nie zuvor. Wer Halbleiter im Depot hat, fährt seit dem 30. März in der Spitze einer historischen Bewegung. Und die Frage, wie lange das so bleibt, dominiert diese Woche jede Marktdiskussion.
Halbleiter sind dabei keine einzelne Gruppe, sondern eine fein gegliederte Kette. Am Anfang stehen Designer wie Nvidia, AMD oder Apple. Es folgen Werkzeug-Hersteller — allen voran das holländische ASML, mit Abstand das wertvollste Unternehmen Europas. Dann kommen Produzenten wie TSMC in Taiwan, Intel oder Samsung. Anschließend Memory-Spezialisten wie Micron oder SK Hynix. Hinten dran ein Ökosystem aus Datacenter-Betreibern, Auto-Industrie und Endprodukten. TSMC alleine hat im ersten Quartal 2026 erstmals die Marke einer Billion Neuer Taiwan-Dollar Quartalsumsatz überschritten — etwa 35 Milliarden US-Dollar in drei Monaten. Das sind über zehn Milliarden pro Monat, für reale Produkte mit realen Kunden.
Ist das die nächste Dotcom-Blase?
Die naheliegende Frage. Die ehrliche Antwort: nein, der Vergleich hinkt. Wer 1999 dabei war, erinnert sich an pets.com, webvan.com, an Bewertungen, die auf Klickraten und Phantasie gebaut waren. Halbleiter heute sind etwas grundlegend anderes.
„Heute habe ich Datencenter, die wirklich faktisch genutzt werden, bezahlt werden, laufen, nachgefragt sind. Das ist nicht vergleichbar mit pets.com."
— Tobias Gabriel, entspannt Inestieren Podcast Folge 4
Das heißt nicht, dass die Bewertungen entspannt wären. Das KGV des SOX, gemessen an den Gewinnen der letzten zwölf Monate, liegt bei 50 bis 60. Und auf der anderen Seite gibt es Software-Werte, die nicht steigen, sondern fallen. Ein K-förmiger Tech-Markt ist entstanden: oben die Hardware, unten die Software-Anwendungen, die plötzlich um ihre Existenzberechtigung kämpfen.
Software — unter Druck
Klassische Anwendungs-Software
Multiple-Kompression aus Sorge vor KI-Substitution. Microsoft kündigt erstmals freiwillige Abfindungen an, Meta streicht 8.000 Stellen.
Hardware — Profiteure
Nvidia, TSMC, ASML, Micron
Empfänger massiver Capex-Ströme aus Hyperscaler-Investitionen. SOX-KGV trailing 50–60, forward rund 20.
Schöpferische Zerstörung — oder eine ganz normale Welle?
Wer wissen will, wie ernst es Hardware-Konzernen ist, muss in deren Häuser schauen. Microsoft bietet nach 51 Jahren Firmengeschichte zum ersten Mal freiwillige Abfindungen an — den Golden Handshake — um sein Geld in KI-Infrastruktur zu lenken. Meta streicht 8.000 Stellen und installiert auf den Laptops seiner Mitarbeiter Software, die Tastatureingaben aufzeichnet, um daraus KI-Modelle zu trainieren — Modelle, die diese Aufgaben übernehmen sollen. Joseph Schumpeter, der österreichisch-amerikanische Ökonom, hat für solche Phasen den Begriff der schöpferischen Zerstörung geprägt. Wir sehen sie gerade in Reinform.
Allerdings ist diese Zerstörungslesart nicht alternativlos. Eine andere Lesart sagt: Wir sind in einem klassischen Technologie-Zyklus. Erst boomt die Hardware (jetzt). Dann die Software-Anwender, die diese Hardware monetarisieren. Schließlich die produktivitätsbreite Wirtschaft, die die Vorteile in Margen umsetzt. In dieser Lesart ist die heutige Software-Schwäche kein Todesurteil, sondern eine Pause vor der zweiten Welle. Beide Lesarten haben Belege auf ihrer Seite. Welche stimmt — heute weiß das niemand.
Eine Zahl gibt einen Hinweis: Wer das KGV der Halbleiter nicht auf vergangene, sondern auf erwartete Gewinne berechnet — das sogenannte Forward-KGV —, kommt auf rund 20. Damit liegt der Sektor sogar leicht unter dem breiten S&P 500. Der Markt wettet also implizit darauf, dass die Gewinne weiter dramatisch steigen werden.
Eine historische Erinnerung
Blackberry, der einst dominante Smartphone-Hersteller, erreichte seinen Umsatz-Höhepunkt nicht 2007, als Apple das iPhone vorstellte, sondern erst 2011. Vier weitere fette Erntejahre, bevor der Niedergang begann. Wer 2007 panisch ausgestiegen wäre, hätte vier Jahre Outperformance verpasst. Wer 2010 noch eingestiegen wäre, hätte fast alles verloren. Tech-Zyklen sind länger und kniffliger, als unsere Vernunft erwartet. Stockpicking ist hier besonders gefährlich — und das gilt für jeden einzelnen Namen, der heute aussieht wie ein Selbstläufer.
Was diese Woche bringt — und was Sie tun sollten
Diese Woche werden viele Antworten geliefert. Allein am Mittwochabend berichten Alphabet, Amazon, Meta und Microsoft über das erste Quartal — über 40 Prozent der gesamten US-Marktkapitalisierung an einem Abend. Zusätzlich tagt der Offenmarktausschuss der US-Notenbank. Donnerstag folgen die ersten BIP-Zahlen für USA, EU und Deutschland. Mehr Realitätscheck war selten in einer Woche.
Was sollten Sie tun? Vor allem ruhig bleiben. Eine Rally von 47 Prozent in 18 Tagen ist beeindruckend. Sie ist auch ein Hinweis, dass der Tachostand schon ziemlich weit oben steht. Strategie treu bleiben, prognosefrei agieren, breit diversifizieren — und die Paradoxie der Märkte aushalten. Genau dafür gibt es Profis, denen man die Last dieser Woche überlässt.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren”, Folge 4 vom 28. April 2026 mit Tobias Gabriel und Joshua Pauls. Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.