Hype-Aktien stehen im Rampenlicht, doch die wahren Gewinner laufen oft im Hintergrund mit. Was 100 stille Sieger über Geduld, Demut und Künstliche Intelligenz verraten.
von Tobias Gabriel & Michael Arpe
Wenn man morgens die Wirtschaftspresse aufschlägt, kann einem schnell der Atem stocken. Allzeithochs in den USA, Allzeithochs in Japan, Schlagzeilen über die nächste Vervielfachung dieser oder jener Aktie. Es entsteht ein Sog. Wer da nicht dabei ist, fühlt sich, als hätte er etwas verpasst. Doch wer einen Schritt zurücktritt, erkennt: Genau dieses Gefühl ist der teuerste Begleiter eines Anlegers.
Die Märkte belohnen heute kurzfristige Aufmerksamkeit – sie belohnen aber langfristig Geduld. Das ist kein Widerspruch, sondern die zentrale Spannung des Investierens. Wer dem Hype hinterherläuft, weil eine Aktie drei Jahre lang von links unten nach rechts oben gestiegen ist, kauft selten zum besten Preis. Wer in Panikphasen verkauft, verfestigt Verluste. Beide Fehler haben denselben Ursprung: Emotion schlägt Analyse.
Langweilig heißt entspannt, nicht schlechter
In der sechsten Folge unseres Podcasts „Entspannt Investieren“ haben wir genau über diese Spannung gesprochen. „Langweilig“ ist negativ konnotiert, aber stilles, stures, regelbasiertes Anlegen ist keine Schwäche. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen das, was uns als Vermögensverwalter täglich begegnet: Anleger, die im Hype kaufen und in der Panik verkaufen – und sich später fragen, wohin die Rendite verschwunden ist. Wer Ruhe in den Anlageprozess bringt, macht schlicht weniger Fehler.
„Die Goldgräber sind in der Masse nicht reich geworden. Reich geworden sind die Saloons, die Whisky ausgeschenkt haben, die Schaufeln verkauft haben.“
— Michael Arpe im Podcast „Entspannt investieren“, Folge 6
Das Bild des Goldrauschs passt heute besonders gut zum Hype-Thema schlechthin: Künstliche Intelligenz. Niemand weiß mit Sicherheit, welches Modell in zehn Jahren marktbeherrschend sein wird. Aber jeder weiß, dass eine KI ein Rechenzentrum braucht – das wiederum Strom, Halbleiter, Netze. Wer in die Schaufeln investiert, partizipiert unabhängig davon, ob der Gewinner am Ende Google, Amazon oder ein noch unbekanntes Start-up heißt. Diese Logik ist eine Munger-Klassik – und sie erklärt, warum Berkshire Hathaway zuletzt leise eine Position in Alphabet aufgebaut hat. Warren Buffett kauft Qualität, wenn andere zweifeln.
100 Marathon-Aktien aus dem HAC-Sonnensystem
Seit drei Jahrzehnten kuratieren wir in unserem eigenen Magazin „Entspannt Investieren“ eine Auswahl der 100 robustesten Unternehmen aus dem sogenannten HAC-Sonnensystem – wir nennen sie Marathon-Aktien. Es sind keine Modetitel. Es sind Firmen mit ökonomischen Burggräben, die ihre Gewinne auch in Krisenjahren steigern. Nicht immer in zehn von zehn Jahren – manchmal in neun, manchmal in acht. Auf lange Sicht erzeugt dieses stetige Geldverdienen einen Zinseszinseffekt, der jede kurzfristige Spekulation in den Schatten stellt.
100
im HAC-Sonnensystem
minus ⅓
KI-Modelle im Trading-Test
60–70%
als „sensationell“ bezeichnet
Hinzu kommt eine Größe, die selten gewürdigt wird: Allein die deutschsprachigen Märkte erweitern sich jedes Jahr um rund 80 Millionen Konsumenten – durch nachrückende Generationen und Zuwanderung. Selbst große Konzerne finden immer neue Absatzmärkte. Das ist die unspektakuläre, aber verlässliche Mechanik, auf die viele unserer Marathon-Aktien ihr Wachstum stützen.
Wenn die KI scheitert, gewinnt der Mensch
Wer glaubt, Künstliche Intelligenz werde dem Privatanleger den Königsweg an die Börse eröffnen, sollte sich den jüngsten Trading-Wettbewerb der führenden Sprachmodelle ansehen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Das Portfolio aller getesteten Modelle verlor zusammen rund ein Drittel des Kapitals, von 30 Trade-Setups waren nur sechs profitabel. Das ist kein Beleg dafür, dass KI dumm wäre – Sprachmodelle sind brillant darin, Wahrscheinlichkeiten für das nächste Wort zu berechnen. Aktienmärkte sind aber kein Sprachproblem. Sie sind komplexe, adaptive Systeme, in denen menschliche Psychologie genauso wirkt wie Zahlen. Genau hier liegt der dauerhafte Vorteil des langfristig denkenden, demütigen Investors.
Eine Studie zu jüngeren Anlegern zeigt zudem: Sobald sie zu größeren Vermögen kommen, suchen viele bewusst einen menschlichen Ansprechpartner – jemanden, der wie ein Mentor einordnet, statt bei jedem Marktimpuls einen Knopf zu drücken. Es scheint, als spüre eine ganze Generation, dass Algorithmen zwar Geschwindigkeit liefern, aber kein Vertrauen.
Was Sie aus alldem mitnehmen können
Erstens: Machen Sie nicht jeden Hype mit. Es ist legitim, einen Teil Ihres Vermögens in spannende Wachstumsthemen zu investieren – aber bauen Sie das Fundament aus Unternehmen, deren Geschäftsmodell Sie verstehen. Zweitens: Behandeln Sie Streuung nicht als Pflichtprogramm, sondern als Versicherung. Ein Depot mit 90 Prozent KI-Werten ist hochkonzentriert; 15 Prozent KI plus fünf weitere Branchen sind ein deutlich ruhigeres Bild. Drittens: Akzeptieren Sie Demut. Selbst Warren Buffett sagt, eine Trefferquote von 60 bis 70 Prozent sei für ihn ein sensationelles Jahr. Wer als Privatanleger mehr verlangt, überschätzt sich.
Die Börse gibt es seit rund 400 Jahren. In all dieser Zeit hat sich vieles verändert – die Technologie, die Spielregeln, die Geschwindigkeit. Eines aber ist konstant: Der Mensch handelt überwiegend gefühlsgetrieben, nicht analytisch. Wer dieses Spielfeld kennt und sich an eine erprobte Strategie hält, ist langfristig im Vorteil. Es ist nicht spektakulär. Aber es funktioniert. Vielleicht ist das die ehrlichste Definition von entspanntem Investieren: Sich erlauben, ruhig zu bleiben, während der Rest der Welt sprintet.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt Investieren“, Folge 6 (12. Mai 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.