Die Wirtschaft lässt sich in elf Sektoren einteilen. Wer diese Landkarte kennt, schaut anders auf das eigene Depot – und entdeckt Risiken, die auf den ersten Blick unsichtbar bleiben.
von Joshua Pauls & Michael Arpe
Stellen Sie sich vor, ein Alien blickt aus dem All auf unsere Erde. Es sieht ein großes Gewusel: Der eine backt Brot, der andere besohlt Schuhe, der dritte baut Raumschiffe. „Arbeitsteilung”, würde das Alien wohl anerkennend notieren – ziemlich vernünftig, das Ganze. Genau diese Ordnung steckt hinter einem Werkzeug, das auch Ihnen hilft, Ihr Depot zu verstehen: der Einteilung der Wirtschaft in Sektoren. Was nach grauer Bürokratie klingt, ist in Wahrheit eine Landkarte. Und wie jede gute Landkarte zeigt sie nicht nur, wo Sie stehen – sondern auch, wo Sie blinde Flecken haben.
Eine Landkarte aus dem Jahr 1999
Diese Landkarte trägt einen sperrigen Namen: Global Industry Classification Standard, kurz GICS. 1999 haben die Indexhäuser S&P und MSCI sie aufgesetzt, damals noch mit zehn Sektoren. Heute sind es elf. 2016 wurde der Immobilienbereich aus dem Finanzsektor herausgelöst, 2018 entstand aus der Telekommunikation der Sektor der Kommunikationsdienste – dort sind inzwischen auch Meta, Netflix und Disney zu Hause. Unter den elf Sektoren verzweigt sich alles weiter in Industriegruppen, Industrien und am Ende rund 163 Sub-Industrien. Für den Anlage-Alltag genügt aber die oberste Ebene vollkommen. Es ist das Pareto-Prinzip in Reinform: Wer die elf Sektoren kennt, hat den allergrößten Teil des Nutzens – der Rest ist Detailverliebtheit für Spezialisten.
11
– seit 1999
~35 %
am S&P 500
~13 %
– NVIDIA – im Index
Elf Stürmer gewinnen kein Spiel
Wozu die elf Schubladen? Michael Arpe bringt es im Podcast auf ein Bild, das auch ohne Fußballbegeisterung sofort einleuchtet: Eine gute Mannschaft besteht nicht aus elf Stürmern. Sie hat eine Defensive, ein Mittelfeld und eine Offensive. An der Börse ist es genauso. Es gibt offensive, konjunktursensible Sektoren – Energie, Grundstoffe, Industrie und den zyklischen Konsum. Es gibt defensive Sektoren wie Versorger, Immobilien und Kommunikationsdienste, deren Geschäft fast immer läuft. Und dazwischen das Mittelfeld aus Basiskonsum, Gesundheit, Finanzen und Informationstechnologie, das von beidem etwas hat.
„Bauen Sie sich Ihre persönliche Fußballmannschaft zusammen."
– Michael Arpe in Folge 11 des Podcasts "entspannt Investieren"
Wie heftig die offensive Reihe ausschlagen kann, führt gerade der Energiesektor vor. Mit dem Krieg im Nahen Osten und der zeitweise bedrohten Straße von Hormuz schoss der Ölpreis nach oben – um, kaum keimte Hoffnung auf ein Ende, blitzartig um rund 20 Prozent wieder einzubrechen. Aufgenommen wurde diese Folge an einem Mittwoch; für den Freitag hoffen viele auf ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran. Solche Ausschläge sind das Wesen zyklischer Sektoren: langfristig erfreulich, kurzfristig eine Achterbahn. Wer das weiß, lässt sich von Schlagzeilen weniger treiben.
Drei ETFs – und doch nur ein Risiko
Und hier wird die Landkarte praktisch. Denn der häufigste Denkfehler vieler Privatanleger versteckt sich ausgerechnet dort, wo sie sich am sichersten fühlen: im ETF. „Kauf einfach einen MSCI World oder einen S&P 500, dann hast du alles” – so lautet das gängige Versprechen. Doch der S&P 500 besteht inzwischen zu rund 35 Prozent aus einem einzigen Sektor, der Informationstechnologie. Eine einzelne Aktie, NVIDIA, macht rund 13 Prozent des Index aus. Wer nun noch einen MSCI World und einen Nasdaq danebenlegt, fühlt sich dreifach gestreut – und hält in Wahrheit dreimal dieselben Schwergewichte. An der Oberfläche sieht das nach Diversifikation aus. Schaut man unter den Teppich, ist davon überraschend wenig übrig.
Oberfläche
Drei Index-ETFs
S&P 500, MSCI World und Nasdaq nebeneinander – sieht nach breiter Streuung aus. Doch in jedem stecken dieselben Tech-Giganten, NVIDIA taucht gleich mehrfach auf.
Echte Streuung
Blick über elf Sektoren
Die Leitfrage lautet: Bin ich überall dabei? Kein einzelner Sektor und kein einzelnes Unternehmen dominiert das Depot.
Beobachten, nicht wetten
Heißt das, man solle nun ständig zwischen den Sektoren hin- und herspringen? Im Gegenteil. Die sogenannte Sektorrotation – das Wandern des großen Geldes aus gut gelaufenen in zurückgebliebene Bereiche – ist ein spannendes Beobachtungsfeld, aber kein Timing-Spiel. Bei HAC fließt diese Beobachtung in den HAC Navigator ein, der die Stimmung und die Narrative am Markt verfolgt, ohne darauf zu wetten, welcher Sektor als Nächstes dran ist. Denn das Übergewichten eines einzelnen Sektors bleibt, was es ist: eine Wette. Sie kann aufgehen. Sie kann aber auch viel Geld kosten – und über Letzteres dreht erfahrungsgemäß niemand ein Video.
Am Ende ist die Botschaft erfreulich unspektakulär. Die Börse ist, wie Michael Arpe es nennt, ein „Fulltime-Job” – und einer, der sich nie ganz beherrschen lässt. Selbst mit aller Ausbildung liegt man nicht in jedem Fall richtig. Genau deshalb ist breite Streuung über die Sektoren hinweg keine Notlösung, sondern die vernünftigste Grundlage, die es gibt. Ein gut aufgestelltes Depot muss am Freitag nicht wissen, ob tatsächlich jemand etwas unterschreibt. Es hat von allem etwas – und kann gerade deshalb gelassen bleiben.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren”, Folge 11 (17. Juni 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.