Raketen-Tweets, Geopolitik und rote Depots – wie Sie als Anleger trotzdem ruhig bleiben. Ein Blick auf die Unternehmen, die Krisen schon immer überlebt haben.
Von Joshua Pauls & Michael Arpe
Die Nachrichten überschlagen sich. Eine kurze Waffenruhe, die keine 24 Stunden hält. Ein Präsident, der Wirtschaftspolitik per Social-Media-Post diktiert. Der Iran sperrt die Straße von Hormuz. Wer in dieser Lage auf sein Depot schaut und rote Zahlen sieht, dem ist das Unbehagen mehr als verständlich – es ist menschlich. Doch genau hier beginnt das Kernproblem vieler Anlageentscheidungen. Nicht das Marktgeschehen selbst, sondern unsere Reaktion darauf.„Der wichtigste Faktor für ein gutes Anlageergebnis findet zwischen unseren Ohren statt – nicht auf dem Börsenparkett."
Michael Arpe
Wenn die Psyche die Rendite frisst
Statistisch gesehen besteht ein Jahrzehnt an der Börse aus etwa sieben guten und drei schwachen Jahren. Das klingt komfortabel – bis man mitten in einem dieser schlechten Jahre steckt. Dann fühlt sich kurzfristig jeder Kursrückgang wie ein Beginn des Endes an, obwohl der Intellekt eigentlich weiß: Es geht wieder rauf.
Das Vermögen ist für die meisten Menschen mehr als ein Kontostand. Es ist Sicherheit, Freiheit, ein Schutzmechanismus. Wenn es schrumpft – auch nur vorübergehend – aktiviert das emotionale Alarmreaktionen, die evolutionär sinnvoll sind, für die Geldanlage aber schädlich werden können. Diese Verzerrung führt dazu, dass Anleger aktuelle Verluste gedanklich in die Zukunft hochrechnen. Die Börse fällt heute? Sie wird also weiter fallen. Diese Schlussfolgerung ist so nachvollziehbar wie falsch.
96 % – eine Zahl, die aufrüttelt
Professor Henrik Bessenbinder von der Arizona State University hat in einer viel beachteten Studie untersucht, welche Aktien die bekannten Indizes wie den S&P 500 oder den DAX langfristig nach oben treiben. Das Ergebnis ist ernüchternd und erhellend zugleich:
4 %
2,4 %
96 %
Was ist eine Marathon-Aktie?
Der Begriff stammt aus dem Denken von Warren Buffett, der solche Titel als „Burggraben-Aktien” bezeichnet. Wir bei HAC nennen sie Marathon-Aktien – weil sie nicht auf den Sprint ausgelegt sind, sondern auf die Langstrecke.
Marathon-Aktien haben gemeinsam, dass sie ein Geschäftsmodell besitzen, das Krisen strukturell überlebt. Häufig blicken diese Unternehmen auf 30, 50 oder sogar 100 Jahre Geschichte zurück. Sie haben Weltkriege, Rezessionen, Ölkrisen und politische Verwerfungen überstanden. Ihr Geschäft – ob Zahnpasta, Medikamente, Burger oder Cola – ist in jedem wirtschaftlichen Umfeld gefragt.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass McDonalds nächstes Jahr immer noch genügend Menschen findet, die Hamburger essen, ist außerordentlich berechenbar – und genau das hat für ein Depot enormen Wert."
Michael Arpe
Narrativ vs. Substanz:
Das Beispiel Allbirds vs. Nike
Nicht jede Geschichte, die gut klingt, trägt auch fundamental. Wir unterscheiden in unserem HAC-Navigator drei Ebenen: Fakten (Bilanz, Gewinne, Umsätze), Narrative (die Geschichten, die Anleger bewegen) und Psychologie (wie wir auf beides reagieren).
Ein gutes Narrativ kann ein schlechtes Fundament nicht ersetzen – wie das folgende Beispiel zeigt:
Narrativ ohne Substanz
Allbirds
Nachhaltiger Sneaker aus dem Silicon Valley. Zu Hochzeiten mit 4 Mrd. Dollar bewertet. Das Narrativ der moralischen Überlegenheit funktionierte – bis Wettbewerber gleichzogen. Pro verkauftem Schuh machte man Verluste. Abwicklung für 39 Mio. Dollar.Substanz mit Narrativ
Nike
Jahrzehntelanges Gewinnwachstum, starke Bilanz, globale Markenbekanntheit. Auch Nike hatte schwache Phasen – aber das Fundament trägt. Wer auf die Zahlen schaut, findet hier einen echten Burggraben.
Entspannt investieren – was das wirklich bedeutet
Entspannt investieren bedeutet nicht, dass ein Depot nie schwankt oder dass man nie ein Unbehagen verspürt. Wenn man heute 100.000 Euro angelegt hat und vorübergehend 93.000 Euro im Depot sieht, ist das keine Katastrophe – es sind Schwankungen, die zu einem gut aufgestellten Portfolio gehören.
Was wir vermeiden wollen: dass ein Depot in echte Schieflage gerät, weil falsche Positionen eingegangen wurden. Der Unterschied zwischen temporärem Unwohlsein und begründeter Angst liegt in der Qualität der Anlageentscheidungen.
Marathon-Aktien sind dabei ein wichtiges Puzzlestück – kein Allheilmittel, aber ein fundiertes Fundament für Anleger, die langfristig denken und kurzfristigem Lärm standhaft begegnen möchten.