Alphabet legt starke Quartalszahlen vor – und verliert trotzdem rund fünf Prozent. In der Big-Tech-Berichtssaison zeigt sich, dass gute Daten allein nicht mehr genügen. Was dahintersteckt, ist keine Blase, sondern die Rückkehr der Marktbreite.
Joshua Pauls & Tobias Gabriel
Am Anfang stand in dieser Woche der Fußball. Ein neuer Weltmeister, ein Tippspiel, viele Meinungen – und die Erkenntnis, dass beim Fußball wie beim Tippen fast immer das Ergebnis über den Prozess gestellt wird. An der Börse ist es genau umgekehrt: Entscheidend ist nicht das eine Resultat, sondern der Prozess dahinter. Wer über viele Entscheidungen hinweg diszipliniert vorgeht, zieht die Wahrscheinlichkeit auf seine Seite – ähnlich wie beim Poker. Genau diese Unterscheidung war der rote Faden unserer aktuellen Podcast-Folge.
Denn die Börse liefert gerade ein Lehrstück dazu. Mit Alphabet, Tesla, IBM, Netflix und ServiceNow ist die Big-Tech-Berichtssaison angelaufen. Alphabet, die Mutter von Google, meldete am Vorabend starke Zahlen und hob zugleich die Prognose für die eigenen Investitionen weiter an – und die Aktie gab daraufhin rund fünf Prozent nach, ehe sie sich nachbörslich leicht erholte. Ein Muster, das sich zuletzt wiederholt: Auch bei ASML und TSMC folgten auf gute Nachrichten fallende Kurse.
700 Mrd. $
−5 %
+32 %
– DAX dagegen nur +2,6 %
Wenn gute Zahlen nicht mehr genügen
Wie kann es sein, dass die besten Unternehmen der Geschichte die besten Zahlen der Geschichte melden – und die Kurse trotzdem fallen? Die Antwort liegt weniger in den Daten als in der Psychologie. Der Markt ist die Summe der Erwartungen aller Beteiligten, und diese Erwartungen sind derzeit hoch und zugleich nervös. Ein Kurs bewegt sich nicht danach, ob ein Quartal gut war, sondern danach, ob es besser war als das ohnehin schon Erwartete.
„Die besten Firmen der Geschichte liefern die besten Zahlen der Geschichte. Die Kurse fallen dann trotzdem.“
– Tobias Gabriel in Folge 16 des Podcasts "entspannt investieren"
Im Zentrum steht dabei eine Zahl, die viele nicht auf dem Schirm haben: Allein in diesem Jahr investieren die großen Hyperscaler – Alphabet, Amazon, Microsoft, Meta – zusammen über 700 Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz. Der Markt fragt inzwischen hörbar zurück, was diese historischen Summen am Ende einbringen. Solange darauf keine über mehrere Quartale belastbare Antwort vorliegt, reagieren Anleger skeptisch – selbst auf ein starkes Quartal.
Die Rückkehr der Marktbreite
Der wichtigere Punkt liegt aber unter der Oberfläche. Wenn Geld aus Alphabet oder Tesla abfließt, verschwindet es nicht aus dem Markt – es fließt woanders hinein: in Gesundheitswerte, in Banken, in Bereiche jenseits der Halbleiter. Diese Verschiebung lässt sich messen. Vergleicht man den bekannten, nach Marktkapitalisierung gewichteten S&P 500 mit seiner gleichgewichteten Variante, in der alle 500 Unternehmen dasselbe Gewicht tragen, entwickelt sich zuletzt die gleichgewichtete Version besser. Selbst auf Sicht von drei Monaten gleicht sich der Vorsprung der Schwergewichte wieder an. Das ist ein Zeichen zurückkehrender Marktbreite – und damit eher ein Zeichen von Gesundheit als von Gefahr.
Konzentration
Marktkapitalisierungs-gewichtet
Wenige Schwergewichte dominieren den Index. Im koreanischen KOSPI machen mit Samsung und SK Hynix zwei Firmen rund die Hälfte aus – das grenzt an Zockerei.
Marktbreite
Gleichgewichtet
Alle 500 Unternehmen zählen gleich viel. Der gleichgewichtete Index entwickelt sich zuletzt besser – ein Signal, dass die Rally auf mehr Schultern verteilt wird.
Damit relativiert sich auch die Dauerfrage, ob wir uns in einer Blase wie im Jahr 2000 oder in den 1970er-Jahren befinden. Es fühlt sich nicht danach an. In einer echten Blase verengt sich der Markt auf immer weniger Titel; hier passiert gerade das Gegenteil. Zugleich gilt: Die enormen Investitionen der Hyperscaler fließen breit in die Realwirtschaft – in Grundstücke, Bau, Chips, sogar in Rohre und Straßen rund um neue Rechenzentren. Das schafft Chancen, aber auch eine gewisse Abhängigkeit der Marktbreite vom Thema KI, die man kennen sollte.
„Wir sind vielleicht keine Kleinkinder mehr – wir sind immer noch bockige Teenager, die skeptisch-mürrisch sind, entwickeln uns aber in eine positive Richtung.“
– Joshua Pauls in Folge 16 des Podcasts "entspannt investieren"
Der Erwachsene im Raum
Wenn der Markt sich, wie im Gespräch beschrieben, vom panischen Kleinkind zum reifer werdenden Teenager entwickelt, stellt sich die Frage, wer der Erwachsene im Raum ist. Genau darin sehen wir unsere Aufgabe als Vermögensverwalter: nicht auf jede Schlagzeile aufzuspringen, aber auch nicht jede Bewegung zu ignorieren, sondern zu gewichten. Ob Nahost-Eskalation, Berichtssaison oder ein zurückgehender Volatilitätsindex trotz steigender Kurse – die entscheidende Arbeit ist die Risikosteuerung und die bewusste Gewichtung der Anlageklassen. Oder, wie es im Gespräch hieß: Die Dosis macht das Gift.
Dazu gehört, den Blick auch nach vorn zu richten, ohne in Prognosen zu verfallen. Die nächste Welle der künstlichen Intelligenz dürfte über reine Sprachmodelle hinausgehen und zunehmend in Fahrzeuge, Maschinen und Alltagsprodukte wandern. Je mehr die Wirtschaft das aufnimmt, desto mehr Rechenleistung, Rechenzentren und Chips braucht es – ein Hinweis darauf, dass die heutigen Milliarden-Investitionen nicht zwangsläufig ins Leere laufen. Sicher ist das nicht. Aber wer eine Strategie hat und die Konzentration im eigenen Depot im Blick behält, kann eine Woche wie diese mit Interesse verfolgen statt mit Sorge.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren“, Folge 16 (23.07.2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.