Der neue Fed-Chef will keine Zinsprognosen mehr geben. Die Antwort des Marktes: 5,23 Prozent Rendite für 30-jährige US-Staatsanleihen – der höchste Stand seit 2007. Wer macht hier eigentlich die Zinsen?
von Joshua Pauls & Michael Arpe
Stellen Sie sich vor, der mächtigste Notenbanker der Welt setzt sich vor die Presse und sagt sinngemäß: Ich sage Ihnen nicht mehr, wohin die Zinsen gehen. Genau das hat Kevin Warsh, der neue Chef der US-Notenbank, in dieser Woche getan. Die Fed sei „nicht im Prognosegeschäft“, man werde künftig keine Hinweise mehr geben, wohin die Reise geht. Zugleich ließ die Fed den Leitzins zum siebten Mal in Folge unverändert – in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent, bei einem Votum von neun zu drei Stimmen im Gremium.
Die Reaktion kam prompt, nur nicht dort, wo man sie erwartet hätte. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen sprang auf 5,23 Prozent – den höchsten Stand seit 2007. Und zwar nicht, weil die Fed die Zinsen erhöht hätte, sondern gerade weil sie es nicht tat. Der Ökonom Ed Yardeni brachte es bei CNBC auf den Punkt: Warsh habe „seinen ersten Test verloren“. Die wichtigste Größe für Ihr Depot wird derzeit nicht in Washington festgelegt, sondern draußen – im Handel mit langlaufenden Anleihen.
5,23 %
Höchster Stand seit 2007
~40
in 155 Jahren nur einmal höher (März 2000)
881 Mrd. $
Rekord, plus 8 Prozent
Zwei Zinsen, zwei Welten
Um zu verstehen, was hier passiert, hilft ein Blick auf eine einfache Wahrheit: Es gibt nicht „den“ Zins. Es gibt eine ganze Kurve – von Anleihen, die in drei Monaten fällig werden, bis zu solchen, die erst in dreißig Jahren zurückgezahlt werden. Und an den beiden Enden dieser Kurve wirken völlig unterschiedliche Kräfte. Das kurze Ende setzt die Notenbank fast direkt: Sagt die Fed „3,50 bis 3,75 Prozent“, dann liegt es ungefähr dort. Das lange Ende dagegen – zehn, zwanzig, dreißig Jahre – setzt der Markt. Millionen Anleger fragen sich: Bekomme ich mein Geld in dreißig Jahren wirklich zurück, und zwar real, also nach Inflation? Je unsicherer die Antworten, desto höher die Rendite, die sie verlangen. Im Podcast haben wir dafür ein Bild benutzt: Die Notenbank hält die Leine fest – aber am langen Ende wedelt der Markt.
Warum Sie das angeht? Dieses lange Ende bestimmt Hypothekenzinsen und Unternehmenskredite – und es ist der Zinssatz, mit dem Aktien bewertet werden. Je höher er liegt, desto weniger sind künftige Gewinne heute wert. Deshalb hängt auch der Aktienmarkt immer am langen Zins.
Die Rückkehr der Bond-Wächter
Die Kräfte am langen Ende haben einen Namen: „Bond Vigilantes“ – auf Deutsch am ehesten Bondwächter. Gemeint sind Anleiheinvestoren, die gegen eine Politik protestieren, die sie für unsolide oder inflationär halten. Nicht per Demonstration, nicht per Wahl – sondern schlicht per Verkauf. Werfen genug von ihnen Anleihen auf den Markt, steigen die Renditen, und der Staat spürt das sofort, weil er sich ständig neu verschulden muss.
„Früher dachte ich, wenn es Wiedergeburt wirklich gibt, will ich als Präsident zurückkommen, als Papst oder als Baseballstar. Aber inzwischen weiß ich: Ich würde gerne als Anleihemarkt wiederkommen. Denn dann kann man jeden einschüchtern – sogar Präsidenten."
James Carville, Berater von Bill Clinton, 1993
Dass das keine Theorie ist, zeigt die Geschichte. 1994, im „großen Bond-Massaker“, erhöhte die Fed ab Februar die Zinsen – und die zehnjährige Rendite stieg binnen eines Jahres von 5,3 auf rund 8 Prozent. Anleger verloren über eine Billion Dollar, der kalifornische Bezirk Orange County ging pleite. Und 2022 stellte die britische Premierministerin Liz Truss ein Mini-Budget mit 45 Milliarden Pfund ungedeckter Steuersenkungen vor: Die Rendite 30-jähriger britischer Staatsanleihen sprang in nur vier Handelstagen von 3,6 auf 5,1 Prozent, Pensionsfonds mit gehebelten Produkten gerieten ins Wanken – und nach 49 Tagen im Amt war Truss Geschichte. Gestürzt nicht von Wählern, sondern vom Anleihemarkt.
Die Parallele zu heute ist zugleich der entscheidende Unterschied: 1994 stiegen die langen Zinsen, weil die Fed erhöhte. Diese Woche stiegen sie, obwohl die Fed nichts tat. Das ist ein Misstrauensvotum – und es hat drei Treiber, die gerade gleichzeitig blinken: eine Inflation, die hartnäckig über dem Ziel bleibt; ein US-Haushaltsdefizit von fast zwei Billionen Dollar; und ein Krieg, der über den Ölpreis jederzeit neue Inflation liefern kann. Zwar ist Brent nach der jüngsten Entspannung im Iran-Konflikt auf rund 84 Dollar gefallen – doch die Straße von Hormus bleibt faktisch dicht. Wer den USA für dreißig Jahre Geld leiht, verlangt deshalb wieder eine Prämie wie zuletzt zu Zeiten der Finanzkrise – Fachleute sprechen von der Laufzeitprämie, dem „Term Premium“.
Wie eng dabei alles zusammenhängt, zeigte diese Woche die Währungsseite: Zum ersten Mal seit 1998 intervenierten die USA und Japan gemeinsam am Devisenmarkt, um den Yen zu stützen, der auf ein 40-Jahres-Tief gefallen war. Das Motiv: Ein kollabierender Yen drohte eine Verkaufswelle bei japanischen Staatsanleihen auszulösen – und Japan ist einer der größten Gläubiger der USA. Steigen die japanischen Renditen unkontrolliert, ziehen sie die amerikanischen mit hoch. Man hat also in Tokio interveniert, um die Zinsen in Washington zu schützen. Die Anleihemärkte der Welt sind eine einzige, verbundene Röhre.
Und die Aktien? Die Cloud liefert – zu einem hohen Preis
Bei alldem ging fast unter, dass die Berichtssaison eine wichtige Frage aus der Vorwoche beantwortet hat: Fließen die gewaltigen KI-Investitionen jemals zurück? Die Antwort kam aus der Cloud. Amazons AWS wuchs um 36,7 Prozent bei einer operativen Marge von 39 Prozent, Microsofts Cloud-Geschäft legte 43 Prozent zu, Google Cloud sogar 82 Prozent – das stärkste Wachstum seit 2020. Microsoft und Alphabet gewannen nach ihren Zahlen zusammen rund 950 Milliarden Dollar an Börsenwert zurück. Ein Freifahrtschein zum Einstieg ist das trotzdem nicht: Die vier großen Hyperscaler haben ihre Investitionsbudgets für 2026 nochmals angehoben, auf zusammen bis zu 700 Milliarden Dollar. Die Cloud zahlt – aber der Einsatz steigt weiter.
Und die Bewertungen? Der S&P 500 steht mit rund 7.600 Punkten knapp unter seinem Rekord. Das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis gibt dank kräftig steigender Gewinnschätzungen ein Stück weit Entwarnung. Das Shiller-CAPE dagegen – das über zehn Jahre geglättete KGV – steht bei rund 40 und war in 155 Jahren nur ein einziges Mal höher: im März 2000, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase. Der wichtige Unterschied zu damals: Die Unternehmen waren seinerzeit unprofitabel, heute verdienen Nvidia und die Hyperscaler Milliarden pro Quartal. Ein hohes CAPE ist deshalb kein Verkaufssignal – aber historisch folgten auf solche Niveaus eher magere Jahre. Bewertung ist kein Timing-Werkzeug, sondern ein Erwartungs-Dämpfer.
Auch die deutsche Bilanzsaison erzählt übrigens dieselbe Geschichte einer geteilten Welt:
Gewinner: KI-Lieferkette
Aixtron
Auftragseingang plus 81 Prozent – wer an der KI-Lieferkette hängt, profitiert.
Verlierer: Öl & China
Lufthansa & BMW
Lufthansa kappt den Ausblick wegen der Kerosinkosten, BMW leidet unter dem China-Absatz.
Was heißt das für Ihr Depot?
Drei Dinge. Erstens: Anleihen sind zurück als echte Anlageklasse. Wenn festverzinsliche Papiere wieder spürbare Erträge abwerfen, muss niemand mehr komplett in Aktien investiert sein, um Erträge zu erzielen – wobei bei US-Papieren das Wechselkursrisiko dazugehört: 5,2 Prozent nützen wenig, wenn gleichzeitig der Dollar fällt. Zweitens: Hohe lange Zinsen wirken wie Schwerkraft auf die Bewertungen, weil künftige Gewinne stärker abgezinst werden. Und drittens, das Wichtigste: Niemand muss erahnen, was die Bondwächter als Nächstes tun – das können selbst die besten Fachleute nicht. Wer über Anlageklassen streut – Aktien, Anleihen, Gold, Edelmetalle, Rohstoffe –, regelmäßig ausbalanciert und vielleicht nachkauft, was zurückgeblieben ist, den werfen solche Bewegungen nicht aus der Bahn. Dann ist die Streuung, wie es in der Folge hieß, „Ihr persönlicher Freund und Schutzschirm“. Die ruhige Gegenmelodie zur Zinsdebatte lieferte diese Woche übrigens ein Rekord: 881 Milliarden Dollar an weltweiten Dividenden im zweiten Quartal, ein Plus von 8 Prozent. Die Partizipation am Kapitalmarkt zahlt sich aus.
Was hier passiert, ist keine Panik, sondern eine Normalisierung: Geld kostet wieder etwas. Und das belohnt genau die Tugenden, für die wir stehen – Streuung, Geduld und keine Wetten auf die nächste Notenbanksitzung.
„Die Notenbanken bestimmen, was das Geld heute kostet – der Anleihemarkt bestimmt, was die Zukunft wert ist. Und die Zukunft kann man nicht handeln, man kann sie nur besparen."
Joshua Pauls, HAC-Podcast „Entspannt investieren", Folge 18
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren“, Folge 18 (6. August 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.