Der amerikanische Leitindex steht so hoch wie nie – während der Arbeitsmarkt schwächelt, die Bewertung jeden früheren Rekord übertrifft und der KI-Boom zunehmend auf Kredit läuft. Warum das kein Verkaufssignal ist, aber ein guter Grund für Demut.
von Joshua Pauls & Michael Arpe
n den USA sind zuletzt unterm Strich 23.000 Stellen weniger gemeldet worden. Der S&P 500 hat trotzdem ein neues Rekordhoch markiert. Und ausgerechnet in diese Rekordbewertung hinein kauft die berühmteste Value-Adresse der Welt wieder Aktien. Drei Meldungen, die nicht zusammenpassen wollen – und gemeinsam die Frage dieses Sommers stellen: Trägt dieser Aufschwung wirklich, oder feiert der Markt schon auf Kredit?
Der Treiber der Rekordjagd hat in den amerikanischen Researchhäusern längst einen Spitznamen. Aus FOMO, der Angst, etwas zu verpassen, ist FEMO geworden: Fabulous Earnings Momentum. Neun von zehn großen US-Konzernen haben das zweite Quartal gemeldet und die Erwartungen breit übertroffen. Auf dem Papier steht ein Gewinnwachstum von rund 47 Prozent.
Das Sternchen hinter den 47 Prozent
„Auf dem Papier“ ist dabei der entscheidende Halbsatz. Ein gutes Drittel dieses Sprungs sind Buchgewinne: Zwei Tech-Schwergewichte mussten Beteiligungen zum aktuellen Marktwert aufwerten, dazu kamen Steuereffekte. Bereinigt bleibt ein Wachstum von 26 Prozent – immer noch außergewöhnlich stark, aber eben nicht das operative Kerngeschäft, das um fast die Hälfte gewachsen wäre. Und was in die eine Richtung wirkt, wirkt auch in die andere: Verlieren diese Beteiligungen an Wert, schlägt das mit umgekehrtem Vorzeichen durch.
239 %
im Verhältnis zur US-Wirtschaftsleistung. Allzeithoch.
26 %
bereinigt um Buch- und Steuereffekte.
Unbereinigt: 47 %.
285 Mrd.
ür den KI-Ausbau in diesem Jahr
– nach 109 Mrd. im Vorjahr.
239 Prozent – und trotzdem wird gekauft
Der Buffett-Indikator ist denkbar einfach gebaut: Börsenwert aller US-Aktien, geteilt durch die Wirtschaftsleistung der USA. Aktuell steht er bei 239 Prozent. Zur Einordnung: In der Spitze der Dotcom-Blase im Jahr 2000 waren es rund 150 Prozent, beim letzten Rekord 2021 rund 228. Wir stehen über allem, was dieser Indikator je gesehen hat – in der Lesart seines Namensgebers ein Warnzeichen.
Ausgerechnet jetzt kauft Greg Abel, Warren Buffetts längst aktiver Nachfolger, für Berkshire Hathaway wieder zu: 23,5 Milliarden US-Dollar Käufe gegen 3,7 Milliarden Verkäufe, dazu die höchsten eigenen Aktienrückkäufe seit Langem. Die Botschaft ist nicht, dass alles billig wäre – sondern dass auch in einem teuren Markt ein disziplinierter Investor einzelne Dinge findet, die er kaufen will. Bewertung ist kein An-Aus-Schalter.
„Ich würde mein Geld eher Greg anvertrauen als jedem der besten Anlageberater oder CEOs in den USA."
Warren Buffett über seinen Nachfolger Greg Abel
Warum eine Rekordbewertung kein Ausstiegssignal ist
Fairerweise gehört die Gegenrechnung dazu: Die Margen der US-Konzerne liegen bei rund zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung, ein erheblicher Teil der Umsätze wird im Ausland erzielt und taucht im US-Bruttoinlandsprodukt gar nicht auf, und die Zinslast vieler Unternehmen ist niedriger als früher. Man darf also fragen, ob der Indikator noch zeitgemäß ist. Nur: Der gefährlichste Satz an der Börse lautet „Dieses Mal ist alles anders“.
„Die Börse kann länger irrational sein als du als Anleger liquide."
Michael Arpe, HAC-Podcast „entspannt investieren", Folge 19
Was die Forschung zeigt, ist unspektakulär, aber robust: Über zwei, drei Jahre sagt eine hohe Startbewertung wenig aus, über zehn Jahre fallen die Renditen im Schnitt spürbar niedriger aus. Wer deshalb aussteigt, verliert meist doppelt – er verpasst eine Aufwärtsbewegung, die Jahre dauern kann, und findet danach keinen Mut mehr zum Wiedereinstieg.
Die Notenbank in der Zange – und ein Gold, das aufwacht
Ein schwächerer Arbeitsmarkt müsste eigentlich Zinssenkungen bedeuten. Diesmal nicht: Die Kerninflation liegt je nach Maß bei dreieinhalb bis vier Prozent. Die US-Notenbank hat damit nicht das saubere Bild „Wirtschaft schwächelt, Preise im Griff“, sondern das unbequemste überhaupt. Der neue Notenbankchef schweigt dazu bewusst – die Märkte sollen wieder auf Daten schauen statt auf jede seiner Silben. In dieses Vakuum stößt der Anleihemarkt: Die zweijährige US-Staatsanleihe rentiert rund 75 Basispunkte über dem Leitzins, historisch das Signal, dass der Markt eher eine Erhöhung erwartet als eine Senkung. Nächster Fixpunkt ist die Rede in Jackson Hole am 28. August.
Parallel ist Gold aufgewacht: der größte Tagessprung seit einem halben Jahr, rund 4,3 Prozent, zwischenzeitlich über 4.500 US-Dollar je Unze. Bemerkenswert ist der Wechsel des Treibers – monatelang bremsten hohe Realzinsen, jetzt treibt der schwache Dollar. Im Hintergrund kauft ein struktureller Käufer mit: Seit die Dollarreserven Russlands 2022 eingefroren wurden, erwerben Notenbanken Jahr für Jahr über 1.000 Tonnen Gold. Für ein größeres Vermögen ist Gold deshalb weniger eine taktische Wette als ein Baustein für Werterhalt und Liquiditätsreserve.
Der KI-Boom läuft zunehmend auf Pump
Rund ein Drittel des jüngsten US-Wachstums hängt inzwischen an KI-nahen Investitionen; der Bau von Rechenzentren boomt, während andere private Bauinvestitionen schrumpfen. Das Pro-Argument lautete bisher: Die Tech-Konzerne finanzieren das aus dem eigenen Cashflow, deshalb ist es keine Blase wie im Jahr 2000. Genau dieses Argument kippt. Die großen Cloud-Anbieter und ein prominenter Raumfahrt- und KI-Konzern haben in diesem Jahr rund 285 Milliarden US-Dollar an Anleihen begeben – nach 109 Milliarden im Vorjahr. Wie weit Anspruch und Kassenlage auseinanderliegen können, zeigt ein Fallbeispiel: 92 Prozent Umsatzplus im Quartal, gleichzeitig 18,4 Milliarden Dollar Investitionen und im ersten Halbjahr ein freier Cashflow von minus 25 Milliarden.
Wer lange genug dabei ist, kennt das Muster. In der Dotcom-Zeit liehen Lucent, Nortel und Cisco ihren eigenen Kunden zusammen rund 25 Milliarden Dollar, damit diese ihre Geräte kaufen konnten. Alle wuchsen gleichzeitig, es sah aus wie ein Perpetuum mobile. Nortel stand im Jahr 2000 bei 86 Dollar und ging 2009 mit einem letzten Kurs von 18 Cent in die Insolvenz – nicht, weil die Technologie falsch gewesen wäre, sondern weil die Finanzierungskette ein Kartenhaus war. Das moderne Echo heißt zirkuläre Finanzierung: Ein Chip-Konzern investiert in KI-Firmen, die mit dem Geld seine Chips kaufen, die wiederum als Sicherheit für neue Kredite dienen.
„Man spürt, glaube ich, dass das der Versuch ist, aus Stroh Gold zu spinnen."
Michael Arpe über die zirkuläre Finanzierung im KI-Sektor
Das ist kein Grund für Panik, aber einer, genau hinzuschauen – und zwar dort, wo Aktienanleger selten hinsehen: beim Anleihemarkt. Anleihegläubiger sind naturgemäß entspannter, weil sie ihr Geld zurückbekommen, solange ein Unternehmen nicht ausfällt. Wenn ausgerechnet sie bei den nächsten großen Anleihen zögern und höhere Risikoaufschläge verlangen, ist das ein Frühwarnsignal. Kein Crashsignal.
Was das für Ihr Vermögen bedeutet
Drei Dinge folgen daraus. Erstens: Prüfen Sie Ihr Klumpenrisiko – ein Standard-Indexfonds ist heute stark auf wenige amerikanische Mega-Caps konzentriert. Zweitens: Verzichten Sie auf Timing; weder der nächste Notenbanktermin noch der nächste KI-Gewinner lassen sich vorhersagen, und Timing kostet Gebühren, Steuern und meistens Rendite. Drittens: Schauen Sie über die USA hinaus – die Bewertungslücke zu Europa ist so groß wie nie.
Teuerste Ecke
USA: rund 22x Gewinne
Rekordbewertung, hohe Konzentration in wenigen Mega-Caps – und ein Wachstumsmotor, der zunehmend auf Kredit läuft.
Wo kaum jemand hinschaut
Europa: rund 14x Gewinne
Globale Fonds halten Europa im Schnitt mit nur rund 5 Prozent – bei einem Indexgewicht von rund 13 Prozent.
Ein Rekordhoch ist kein Verkaufsgrund und erst recht kein Grund für Panik. Eine Rekordbewertung ist aber ein Grund für ein bisschen Demut – und für die nüchterne Erkenntnis, dass Risiken zum Investieren gehören wie das Wetter zur Seefahrt. Es wird keine Phase geben, in der alle Ampeln auf Grün stehen. Wer über Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Gold streut, muss den perfekten Zeitpunkt nicht kennen. Er muss nur dabeibleiben.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren“, Folge 19 (13. August 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.