Ein wieder erstarkender Dollar, ein fallender Ölpreis und eine nervöse KI-Rally: Tobias Gabriel und Joshua Pauls ordnen ein, warum in solchen Phasen die ruhigste Antwort meist die beste ist.
von Tobias Gabriel & Joshua Pauls
Wer in diesen Wochen morgens auf die Kurse schaut, braucht gute Nerven. Minus drei Prozent am Morgen, unverändert am Mittag, abends plötzlich wieder im Plus – die Schwankungen haben ein Tempo erreicht, das selbst Profis ins Grübeln bringt. „Die Achterbahn” sei genau das richtige Bild, sagt Tobias Gabriel im Gespräch. Und doch lohnt es sich, hinter die wilden Tagesbewegungen zu schauen. Denn dahinter wirken gerade drei größere Kräfte, die alle gleichzeitig am selben Bullenmarkt ziehen.
Erste Kraft: Der Dollar dreht
Jahrelang lief an den Märkten der sogenannte Debasement-Trade: die Wette darauf, dass der US-Dollar als Weltleitwährung an Bedeutung verliert – befeuert von hohen US-Schulden und Zweifeln an der Unabhängigkeit der Notenbank. Anleger flüchteten in knappe Werte; Gold stieg 2025 bis auf rund 5.600 Dollar je Unze, auch Bitcoin profitierte. Doch dieses Narrativ ist ins Wanken geraten. Mit Kevin Warsh hat die US-Notenbank einen neuen Vorsitzenden, der Jerome Powell abgelöst hat und in seiner ersten Pressekonferenz die Zinsen zwar stabil hielt, vor allem aber deutlich restriktiver auftrat – mit Parallelen zum legendären Notenbankchef Alan Greenspan. Das stärkt die Wahrnehmung einer unabhängigen Fed. Und wenn dann auch US-Finanzminister Scott Bessent betont, ein starker Dollar sei durchaus attraktiv, verschiebt sich das Bild: Der Dollar dürfte eher wieder zulegen.
Für deutsche Anleger ist das keine Randnotiz. Wer in Euro rechnet und US-Aktien hält, bekommt die Wechselkurse voll zu spüren. Ein Beispiel aus dem Gespräch: Eine US-Aktie legt im Jahr 30 Prozent zu – fällt der Dollar im selben Zeitraum aber um rund 15 Prozent, bleibt für den Euro-Anleger nur die Hälfte des Gewinns. Genau das ist 2025 passiert, als der Dollar zweistellig verlor. Dreht sich der Effekt um, kann aus 30 Prozent Kursplus schnell ein Ergebnis von 45 Prozent werden. „Diese Effekte sind wesentlich größer, als man so meint”, sagt Gabriel – und sie strahlen bis tief in die Schwellenländer aus.
5.600 $
– Symbol des Debasement-Trade,
der nun ins Wanken gerät.
+11 %
der Öl-Entspannung und das,
während China rund 5 % verlor.
44
Nur das letzte war der Wendepunkt.
Zweite Kraft: Das Öl entlastet
Nach dem Iran-Krieg und der zwischenzeitlichen Sperrung der Straße von Hormuz hat sich die Lage entspannt. Ein brüchiges Übergangsabkommen zwischen den USA und Iran verschafft den Märkten ein 60-Tage-Fenster der Ruhe – und der Ölpreis gibt deutlich nach. Für ölimportierende Länder ist das eine echte Entlastung. In Indonesien, Malaysia oder Vietnam war zuletzt streng rationiert worden, an manchen Tagen durften nur Fahrzeuge mit bestimmten Kennzeichen tanken. Auch Japan, das sehr viel Öl bezieht, kommt zur Ruhe, nachdem der Nikkei an einem Tag vier Prozent verlor und am nächsten fünf gewann. In der vergangenen Woche legten Taiwan, Japan und weitere asiatische Schwellenländer zwischen 3,7 und 7,2 Prozent zu, Korea sogar elf Prozent – während China rund fünf Prozent verlor.
Die Lehre daraus: Schwellenländer sind kein Block. „Da mache ich jetzt ein ETF drauf und dann ist das gut” – so einfach sei es eben nicht, betont Joshua Pauls. HAC setzt hier lieber gezielt an, etwa über Faktoren wie Substanzwerte, Dividendentitel oder schwankungsärmere Aktien, statt die ganze Region als einen Klotz zu kaufen.
Dritte Kraft: Die KI-Wette zittert
Die dritte und vielleicht unangenehmste Kraft betrifft das Herzstück der Rally: die künstliche Intelligenz. Hier sind die Ausschläge gewaltig. Der Speicherchip-Hersteller Micron verlor an schwachen Tagen schon mal zehn Prozent, schoss dann nach starken Quartalszahlen über Nacht um 14 Prozent nach oben – die Gewinne lagen rund 30 Prozent über den ohnehin optimistischen Analystenschätzungen. SK Hynix brach nach einem strategischen Schwenk um 12,5 Prozent ein, und selbst ein Schwergewicht wie Microsoft stand im laufenden Jahr zeitweise rund 20 Prozent im Minus. Verstärkt werden solche Bewegungen durch zwei- und dreifach gehebelte Produkte und durch Optionen, die noch am selben Tag verfallen – reine Wetten, die den Gesamtmarkt mitreißen.
Bei aller Nervosität: Hinter den Kursen steht ein historisches Gewinnwachstum. Die großen Cloud-Konzerne wie Google und Amazon stecken reale Milliarden in Halbleiter – bei Micron, SK Hynix oder Texas Instruments entsteht etwas Greifbares. Und trotzdem gilt: Auch diese Phase endet irgendwann.
„Der teuerste Satz an der Börse ist: diesmal ist alles anders. Und das wird nicht anders sein."
– Tobias Gabriel in Folge 12 des Podcasts "entspannt investieren"
Was heißt das für Anleger?
Zunächst eine beruhigende Erkenntnis: Allzeithochs sind statistisch der bessere Einstiegszeitpunkt, nicht der schlechtere – auch wenn das Bauchgefühl das Gegenteil sagt. In der Hausse der 90er-Jahre gab es 44 Allzeithochs; nur das letzte war der Wendepunkt. Wer sich dennoch schützen will, hat drei Wege: an die Seitenlinie gehen und alles verkaufen, investiert bleiben und sich mit seriösen Optionen absichern, oder breiter streuen.
Teuerste Option
An die Seitenlinie
Alles verkaufen heißt: gar nichts mehr mitnehmen – und den Wiedereinstieg fast unmöglich timen.
Robuster Weg
Investiert & breit gestreut
Schwankungen aushalten, streuen, bei Bedarf seriös absichern – Zeit im Markt statt Timing.
Den vollständigen Ausstieg hält Gabriel für die teuerste Variante. Denn wer verkauft, muss drei Fragen beantworten: Was genau ist zu teuer? Wie steige ich aus? Und – am wichtigsten und meist vergessen – wann komme ich wieder rein? Gerade die dritte Frage ist die schwerste, weil der beste Wiedereinstieg meist genau dann ansteht, wenn die Angst am größten ist. Deshalb der Leitsatz, mit dem auch diese Folge endet: Zeit im Markt schlägt das Timing des Marktes.
Drei Kräfte testen den Bullenmarkt also gerade gleichzeitig – eine straffere Notenbank, ein entlastender Ölpreis, eine schwankende KI-Wette. Das ist kein Grund zur Angst, sondern ein Grund, das Depot breit, robust und entspannt aufzustellen. Für alle Momente, in denen die Kurse Achterbahn fahren, bleibt der wichtigste Rat der unaufgeregteste: dranbleiben, streuen, einen kühlen Kopf bewahren.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „entspannt investieren”, Folge 12 (25. Juni 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.