Krieg im Nahen Osten, Ölschock, Gold-Wende — und trotzdem Rekordstände an den Börsen. Was das erste Halbjahr 2026 über Nerven, Narrative und die Milliarden-Investitionen der Tech-Konzerne verrät.
von Tobias Gabriel & Joshua Pauls
Stellen Sie sich vor, Sie hätten am Neujahrsmorgen die Schlagzeilen der kommenden sechs Monate vorab lesen dürfen. Im Januar setzen die USA Venezuelas Machthaber Maduro ab, der Goldpreis springt auf ein Allzeithoch von über 5.000 Dollar. Wenig später bricht die Software-Branche ein, weil ein neues KI-Modell von Anthropic ganze Geschäftsmodelle infrage stellt — „SaaS-Pokalypse” wurde das getauft. Am 28. Februar greifen Israel und die USA den Iran an, der Ölpreis schießt aus seinem gewohnten Band zwischen 50 und 70 Dollar auf deutlich über 100. Am 8. April folgt die erste Waffenruhe, im Mai eine Phase ausgeprägter Dollar-Stärke samt neuem Fed-Chef Kevin Warsh, der eher über Zinserhöhungen nachdenkt als über Senkungen. Donald Trump reist zu Xi Jinping nach China, und im Juni wird ein Friedens-Memorandum für den Nahen Osten unterzeichnet — 60 Tage Ruhe, die schon wieder Risse zeigen. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine läuft derweil weiter. Hand aufs Herz: Hätten Sie mit diesem Wissen Aktien gekauft?
Vermutlich nicht. Genau das wäre der teure Fehler gewesen. Denn am Ende dieses turbulenten Halbjahres stehen vielerorts Rekorde: Der S&P 500 legte rund neun Prozent zu, die amerikanischen Nebenwerte im Russell 2000 rund 20 Prozent, die Schwellenländer im MSCI Emerging Markets 26 Prozent, Japans Nikkei sogar über 40 Prozent. Nur der DAX kam mit einem Plus von zwei Prozent kaum vom Fleck. In der aktuellen Folge unseres Podcasts „Entspannt investieren” ziehen Joshua Pauls und Tobias Gabriel Bilanz — und die beginnt mit einem Seufzer: „Das Halbjahr fühlt sich an wie ein Jahrzehnt.”
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Goldgräber verlieren, Schaufelverkäufer gewinnen
Unter der Oberfläche der Indizes spielte sich eine bemerkenswerte Rotation ab. Die Magnificent Seven, jahrelang die Zugpferde des Marktes, verloren im ersten Halbjahr per Saldo 2,5 Prozent — eine Microsoft büßte sogar fast 20 Prozent ein. Gleichzeitig explodierten die „Schaufelverkäufer” des KI-Goldrauschs: Der Speicherchip-Hersteller Sandisk gewann 638 Prozent, Micron 227 Prozent, Western Digital 218 Prozent, selbst der Taschenrechner-Pionier Texas Instruments 68 Prozent. Der Philadelphia-Halbleiterindex SOX — ein ganzer Index, wohlgemerkt — legte 86 Prozent zu.
Die Goldgräber
Magnificent Seven: -2,5 %
Die großen KI-Investoren verlieren — Microsoft fast −20 % seit Jahresbeginn.
Die Schaufelverkäufer
Halbleiter (SOX): +86 %
Sandisk +638 %, Micron +227 %, Western Digital +218 %.
Der Weg dorthin war allerdings alles andere als eine Einbahnstraße. Allein am 1. Juli verloren Sandisk und Micron je zehn Prozent an einem einzigen Tag, Western Digital sechs Prozent; der koreanische KOSPI, der zur Hälfte aus den Halbleiterwerten Samsung und SK Hynix besteht, verbuchte mehrfach Tagesverluste von acht Prozent. Und wer glaubte, mit einem eingängigen Narrativ wie der europäischen Aufrüstung bequem Geld zu verdienen, wurde bei Rheinmetall mit minus 33 Prozent seit Jahresbeginn eines Besseren belehrt. Joshua Pauls’ nüchternes Fazit: „Einfach Narrativen zu folgen, ohne auf Daten zu schauen, auf Bewertungen zu schauen, funktioniert nicht.”
„Das System schlägt Bauchgefühl in diesem ersten Halbjahr."
– Tobias Gabriel in Folge 13 des Podcasts "entspannt investieren"
Beruhigend ist ein Befund, der sich durch die ganze Folge zieht: Die Gewinne der Unternehmen sind — selbst bei den heiß gelaufenen Halbleitertiteln — stärker gestiegen als ihre Bewertungen. Die Rally ist gewinngetrieben, nicht bloße Fantasie. Demut lehrte dafür der vermeintlich sichere Hafen: Gold, im Januar noch auf Rekordhoch, notiert inzwischen wieder unter 4.000 Dollar.
Sind die Tech-Chefs verrückt geworden?
Bleibt die Stammtischfrage der Saison: Können die Abermilliarden, die Alphabet, Amazon und Microsoft in Rechenzentren stecken, vernünftig angelegt sein? Tobias Gabriel erinnert die Debatte an den Fußball: „Auf einmal haben wir hier in Deutschland 84 Millionen Bundestrainer.” Die Konzerne argumentieren anders: Eine Unterinvestition sei gefährlicher als eine Überinvestition, denn mit der KI entstehe eine neue Basisinfrastruktur — vergleichbar mit der Einführung der Elektrizität. Microsoft baut die Sprachmodelle in Teams, GitHub und Azure ein und verkauft Bestandskunden teurere Produkte; gebremst wird das Wachstum nach eigener Aussage vor allem durch fehlende Rechenleistung. Amazon wiederholt mit KI-Rechenleistung sein AWS-Prinzip: Infrastruktur bündeln und mit Aufschlag vermieten. Bezahlt wird aus prall gefüllten freien Cashflows — bei Alphabet vor allem aus Werbeeinnahmen — und über den Anleihemarkt, wo sich der Konzern zuletzt teils günstiger finanzierte als der amerikanische Staat.
Offen bleibt, wer am Ende die Rechnung begleicht. Die erste Antwort ist bereits sichtbar: der Konsument. Apple musste die Preise für MacBooks und iPads um rund 20 Prozent anheben, weil Speicherchips knapp und teuer geworden sind. In der Folge entspinnt sich daran eine echte Kontroverse: Joshua Pauls erwartet — wie der neue Fed-Chef Kevin Warsh —, dass Produktivitätsgewinne und sinkende Kosten je KI-Anfrage unterm Strich preisdämpfend wirken. Tobias Gabriel hält dagegen: Die KI-Labore verkaufen ihre Dienste für 20 bis 80 Dollar im Monat derzeit unter Wert und schreiben Milliardenverluste; spätestens mit den geplanten Börsengängen von OpenAI und Anthropic dürften die Preise anziehen. Einig sind sich beide: Die KI-Ausgaben in den Bilanzen der Anwender-Unternehmen werden weiter steigen. Zumal die Engpässe real sind — von den in den USA erwarteten zwölf bis 16 Gigawatt an Rechenzentrums-Projekten ist mit fünf Gigawatt nicht einmal ein Drittel in der Umsetzung, weil Stromnetze, Genehmigungen und Anwohnerproteste bremsen.
Warum die Musik in Amerika spielt
Dass in diesem Podcast so oft von den USA die Rede ist, hat wenig mit Vorliebe zu tun. Der amerikanische Aktienmarkt steht für über 40, eher Richtung 50 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung; Öl wird zu 80 bis 90 Prozent in Dollar abgerechnet; und die Mechanik der ETFs verstärkt den Sog, weil passive Zuflüsse automatisch in die größten Werte fließen und aktive Fonds ihrer Benchmark kaum fernbleiben können. Dazu kommt die Risikokapital-Mentalität: Europa liefert einen erheblichen Teil der KI-Forschung, doch umgesetzt wird sie dort, wo das Kapital wartet — so wie die Photovoltaik einst in China industrialisiert wurde, wird KI heute in den USA gebaut.
Was Sie daraus mitnehmen können
Drei Dinge. Erstens: Schlagzeilen sind ein schlechter Anlageberater — wer im Februar nach Bauchgefühl verkauft hätte, hätte die Rekorde verpasst. Zweitens: Streuung schlägt Story — welches Pferd vorne läuft, wechselt schneller, als man wetten kann, wie die Gegenläufigkeit von Magnificent Seven und Halbleitern zeigt. Drittens: Wer Tagesverluste von zehn Prozent nicht ständig anschauen muss, bleibt eher investiert — die sprichwörtliche Schlafpille war in diesem Halbjahr Gold wert. Für die zweite Jahreshälfte bleibt aus der Folge eine Beobachtungsfrage statt einer Prognose: Hält die Rotation von den Goldgräbern zu den Schaufelverkäufern? Tobias Gabriels These: Knappes Angebot und hohe Nachfrage bei Halbleitern dürften noch zwölf bis 18 Monate anhalten, denn Chipfabriken und Rechenzentren entstehen nicht über Nacht — zugleich bleibt die Branche so zyklisch wie eh und je. Es lohnt sich, entspannt hinzuschauen.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren”, Folge 13 (2. Juli 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.