Einstimmig, zwölf zu null: die USA erhöhen zum ersten Mal seit drei Jahren

Der Zins steigt, das Sparkonto nicht

Die amerikanische Notenbank hat erstmals seit drei Jahren erhöht — und bremst damit trotzdem kaum. Was dieser scheinbare Widerspruch für ein Vermögen bedeutet, das in Euro angelegt ist.

Von Tobias Gabriel und Joshua Pauls

Drei Meldungen dieser Woche, die nicht zusammenpassen wollen. Erstens: Die amerikanische Notenbank hat ihren Leitzins angehoben, zum ersten Mal seit drei Jahren, und zwar einstimmig mit zwölf zu null. Zweitens: Auf dem durchschnittlichen deutschen Tagesgeldkonto liegt der Zins weiterhin bei 1,4 Prozent — nach Steuern und Inflation ein Verlust. Und drittens, die unbequemste: Trotz dieser Erhöhung bremst die Notenbank die Wirtschaft gerade einmal um zwei Zehntelprozentpunkte. Alle drei Sätze stimmen gleichzeitig. Wer versteht, warum, muss über die Schlagzeilen der nächsten Wochen nicht mehr nachdenken — und weiß, warum das eigene Sparkonto von alldem nichts mitbekommt.

0,2

Prozentpunkte Abstand zwischen US-Leitzins (rund 3,9%) und geschätztem neutralem Zins (3,65%) nach der Erhöhung vom 16.09.2026

−1,9 %

reale Verzinsung eines deutschen Tagesgeldkontos pro Jahr: 1,40% Bestandskundenzins nach Abgeltungsteuer, gegen 2,9% Inflation, Stand September 2026

9,5 Bio. €

privates Geldvermögen der deutschen Haushalte, davon rund ein Drittel in Bargeld sowie auf Giro- und Tagesgeldkonten

Zwölf zu null

Die Zahl, die überall stand, ist die kleinere Nachricht: ein Viertelprozentpunkt hinauf, auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Das ist die erste Erhöhung seit 2023. Bemerkenswert ist das Abstimmungsergebnis. Im zuständigen Gremium, dem Offenmarktausschuss der Notenbank, stimmten alle zwölf Mitglieder dafür. Einstimmig.

Warum das zählt: Ein einzelner Zinsschritt kann zweierlei bedeuten. Entweder eine einmalige Versicherung — man erhöht, zeigt Entschlossenheit, danach ist Ruhe. Oder den Auftakt zu einer Serie. Hätte es drei oder vier Abweichler gegeben, wäre die erste Lesart die wahrscheinlichere gewesen: ein Kompromiss, um das Gremium zusammenzuhalten. Die Einstimmigkeit sagt, dass man sich in der Sache einig ist. Die eigenen Projektionen der Notenbanker bestätigen das mit je einer weiteren Erhöhung in diesem und im kommenden Jahr.

Notenbankchef Kevin Warsh hat auf der Pressekonferenz ungewöhnlich deutlich gesprochen: Die Inflationsdaten dieses Sommers sagten ihm nicht, dass sich die zugrunde liegenden Trends spürbar verbessert hätten. Übersetzt heißt das: Wir warten nicht länger darauf, dass sich die Lage von allein erledigt. Das ist eine Abkehr von den vergangenen Monaten, in denen aus derselben Notenbank sehr unterschiedliche Töne kamen.

Bemerkenswert ist das auch aus einem zweiten Grund. Die Preissteigerung, um die es geht, stammt zu einem erheblichen Teil aus Energie und aus Zöllen — also aus Quellen, die eine Notenbank normalerweise aussitzt, weil sie von allein wieder auslaufen und weil der Zins auf sie ohnehin kaum wirkt. Diesmal hat man sich dagegen entschieden. Der Grund dürfte weniger in der Inflation selbst liegen als in dem, was daneben steht: Ein stabiler Arbeitsmarkt und eine Wirtschaft, die hält, nehmen einer Notenbank das Argument, noch länger abzuwarten. Wer nicht handelt, obwohl er könnte, verliert an Glaubwürdigkeit — und Glaubwürdigkeit ist das eigentliche Kapital einer Notenbank.

Die Straße ist steiler geworden

Um zu verstehen, warum diese Erhöhung trotzdem wenig bremst, hilft ein Bild aus den Bergen. Sie fahren bergab und treten auf die Bremse. Ob Sie langsamer werden, hängt nicht allein von Ihrem Pedaldruck ab, sondern davon, wie steil die Straße ist. Bleibt das Gefälle gleich, reicht derselbe Druck. Wird die Straße steiler, werden Sie mit genau demselben Druck trotzdem schneller.

„Ob Sie nun langsamer werden, hängt nicht nur von dem Pedal ab, sondern wie steil die Straße sich verhält."

In der Geldpolitik ist das Gefälle der Eigenantrieb der Wirtschaft, das Bremspedal der Leitzins. Entscheidend ist nie das eine für sich, sondern immer das Verhältnis beider. Den Punkt, an dem sich Gefälle und Bremse genau ausgleichen, nennen Fachleute den neutralen Zins. Darüber wird gebremst, darunter angeschoben. Das Tückische: Dieser Punkt ist nirgends ausgeschildert. Man kann ihn nicht messen, nur schätzen — und das auch nur rückwirkend, daran, ob die Wirtschaft heiß gelaufen ist oder abgekühlt.

Die Notenbank von New York schätzt ihn regelmäßig. Vom Frühjahr 2025 bis zum Sommer dieses Jahres ist er von 1,36 auf 1,65 Prozent gestiegen. Das klingt nach wenig, ist aber die entscheidende Zahl — denn sie ist nach Abzug der Inflation gerechnet. Rechnet man die Zielinflation von 2 Prozent wieder hinzu, liegt der Punkt, an dem weder gebremst noch angeschoben wird, bei rund 3,65 Prozent. Der Leitzins steht nach der Erhöhung bei knapp 3,9 Prozent. Der Abstand beträgt also zwei Zehntelprozentpunkte. Die Notenbank ist nachgezogen, nicht vorgeprescht. Genau deshalb war die Abstimmung einstimmig, und genau deshalb planen die Projektionen weitere Schritte ein.

Warum Amerikas Zins Ihr Depot bewertet

Das ist Amerika, und wir rechnen in Euro. Trotzdem ist es keine Auslandsmeldung, aus zwei sehr handfesten Gründen.

Der erste: Der amerikanische Anleihemarkt ist der größte der Welt und gibt den Takt vor. Wird dort Geld teurer, zieht das die Zinsen überall mit nach oben, auch unsere. Das steht nicht nur in der Theorie, sondern in den Kursen. Die zehnjährige Bundesanleihe rentierte im Januar noch bei 2,9 Prozent; inzwischen sind es gut 3,4 Prozent. Bei uns steigt es also ebenfalls, nur leiser. Die Europäische Zentralbank hat in derselben Richtung zum dritten Mal in diesem Zyklus erhöht, auf 2,5 Prozent. Amerika ist schneller unterwegs — die Richtung ist auf beiden Seiten des Atlantiks dieselbe.

Der zweite Grund liegt in Ihrem Depot. Wer vernünftig angelegt ist, hält einen erheblichen Teil seines Vermögens in weltweiten Aktien, nicht allein im deutschen Markt. Und dort ist Amerika in den meisten Fällen der größte Brocken. Der amerikanische Zins bewertet damit einen großen Teil dessen, was bei Ihnen im Depot liegt. Der Mechanismus dahinter ist keine Meinung, sondern Rechnung: Eine Aktie ist ein Versprechen auf Gewinne in der Zukunft. Diese künftigen Gewinne werden auf einen heutigen Wert zurückgerechnet, und je höher der Zins, den man dabei ansetzt, desto weniger ist dasselbe Versprechen heute wert — bei unverändertem Geschäft. Genau das steht bereits in den Prognosen: Auch ein ausgewiesener Optimist wie Ed Yardeni hat seine Erwartung für den amerikanischen Markt spürbar gesenkt, begründet fast ausschließlich mit dem Zins. Die Gewinnschätzungen selbst lässt er unverändert.

Das ist der eigentliche Befund. Es gibt Getöse — Krieg, Zölle, Zinsen —, und darunter laufen die Unternehmensgewinne weiter nach oben. Wer seine Erwartung senkt, steigt deshalb nicht aus. Es geht langsamer nach oben, nicht abwärts. Das ist der Unterschied zwischen vorsichtiger werden und Angst bekommen.

Was davon auf Ihrem Konto ankommt

Kommen wir zu der Konsequenz, die in Deutschland fast jeden betrifft — und die deshalb unangenehm ist, weil sie sich gut anfühlt. Sie lesen zurzeit überall Zinsen mit einer Vier vorne. Das sind Lockangebote für Neukunden, garantiert für drei bis sechs Monate. Danach fällt der Satz. Ein Beispiel aus diesem Monat: Eine große Direktbank wirbt mit 3,6 Prozent — für fünf Monate. Danach zahlt sie 0,8 Prozent. Übers Jahr gerechnet bleiben davon effektiv 1,97 Prozent. Der beworbene Zins ist keine Verzinsung, er ist ein Schaufenster. Und das war noch eines der besseren Angebote.

Entscheidend ist ohnehin nicht das Schaufenster, sondern das, was Bestandskunden bekommen. Im bundesweiten Durchschnitt sind das 1,4 Prozent. Bei den Sparkassen sind es 0,42 Prozent, bei den Volksbanken 0,48 Prozent. Das erklärt ein Gefühl, das viele gerade haben: Überall heißt es, die Zinsen seien zurück — auf dem eigenen Kontoauszug sieht man davon nichts.

Rechnen wir es in Ruhe durch. Von 1,4 Prozent geht die Abgeltungsteuer ab, mit Solidaritätszuschlag gut 26 Prozent. Es bleiben 1,03 Prozent. Die Inflation in Deutschland liegt bei 2,9 Prozent. Unter dem Strich stehen Sie bei minus 1,9 Prozent — jedes Jahr. Beim Sparkassenzins sind es minus 2,6 Prozent.

„Es ist also eine reale Geldvernichtungsgeschichte für eine vermeintliche Sicherheit."

Das ist keine Randerscheinung. Die deutschen Haushalte halten ein privates Geldvermögen von rund neuneinhalb Billionen Euro, und etwa ein Drittel davon liegt in bar sowie auf Giro- und Tagesgeldkonten. Über drei Billionen Euro arbeiten auf diese Weise — oder eben nicht.

„Wir rechnen hier nicht von Randgruppen, sondern den Normalfall."

Und in den seltensten Fällen ist das Nachlässigkeit. Es ist der Wunsch, nichts falsch zu machen. Genau deshalb trifft es die Vorsichtigen. Wer nach einem Arbeitsleben sagt, er wolle jetzt einfach nichts mehr verlieren, und das Geld deshalb auf dem Konto lässt, verliert zuverlässig — nur langsam. Der Kontostand steigt sogar weiter. Er kauft nur jedes Jahr ein wenig weniger.

Wo das Risiko sitzt

Auf dem Konto, das sich sicher anfühlt.

1,4 Prozent Tagesgeld ergeben nach Steuern 1,03 Prozent und nach 2,9 Prozent Inflation ein reales Minus von 1,9 Prozent im Jahr. Der Verlust taucht auf keinem Auszug auf, weil der Nominalbetrag steigt.

Was in dieser Phase trägt

Anlagen, die für den höheren Zins entschädigt werden.

Eine Bundesanleihe bringt wieder über 3 Prozent. Dazu Realwerte wie Gold und Rohstoffe sowie Unternehmen mit echtem Cashflow, die ihre Preise durchsetzen können.

Was gegen diese Lesart spricht

Drei Einwände gehören dazu, und alle drei sind ernst zu nehmen.

Der erste betrifft die Schätzung selbst. Der neutrale Zins ist kein Messwert, sondern ein Modellergebnis mit erheblicher Unschärfe. Der frühere amerikanische Notenbankchef Jerome Powell hat das einmal mit dem Bild der Seefahrt beschrieben: Man steuert nach einem Stern, den man bei bewölktem Himmel nicht klar sieht. Wer daraus Präzision ableitet, überzieht.

Der zweite ist die Rückschauverzerrung. Dass die Entscheidung einstimmig fiel, war vorher nicht bekannt. Im Nachhinein lassen sich die Zusammenhänge sauber erzählen — das macht sie nicht vorhersehbar. Die Einordnung gilt der Lage, nicht der Prognose.

Der dritte Einwand ist der gewichtigste: Ein Teil der Ökonomen hält den Anstieg des neutralen Zinses für vorübergehend. Hebt künstliche Intelligenz eines Tages tatsächlich die Produktivität, wirkt sie eher preissenkend — dann würde die Straße wieder flacher. Möglich. Nur wäre es eine sehr enge Wette, ein Vermögen allein auf diesen Pfad zu bauen. Hinzu kommt eine Grenze der Geldpolitik, die man offen benennen sollte: Was eine Notenbank mit dem Zins nicht bekämpfen kann, sind ein Krieg und eine Zollpolitik. Beides wirkt preistreibend, und die Ölrechnung ändert sich nicht, gleichgültig wie oft erhöht wird.

Warum ein Depot aus zwei Bausteinen gerade nicht reicht

Bleibt die Konsequenz für die Struktur. Jahrzehntelang galt: Schwächelt die Wirtschaft, fallen die Aktien — dann senkt die Notenbank die Zinsen, und die bereits gekauften Anleihen im Depot steigen im Wert und federn den Rückgang ab. Das funktioniert allerdings nur bei einem Wachstumsproblem. Derzeit haben wir ein Inflations- und Zinsproblem, und dabei geraten beide Seiten gleichzeitig unter Druck, weil sie denselben Gegner haben.

Heißt das, Anleihen gehören aus dem Depot? Nein, im Gegenteil. Vor fünf Jahren brachte eine Anleihe fast nichts und war trotzdem enthalten. Heute bringt eine Bundesanleihe wieder über 3 Prozent. Sie federt schlechter, aber sie zahlt endlich wieder. Man wirft kein Werkzeug weg, weil es in dieser Saison eine andere Aufgabe hat. Man ergänzt es um ein drittes Bein: um alles, was sich weder wie die Aktie noch wie die Anleihe verhält — Realwerte wie Gold und Rohstoffe, die in einer Inflationsphase einen natürlichen Schutz bieten, und Unternehmen mit belastbarem Cashflow.

Und schließlich um echte Streuung statt Streuung im Schein. Wer fünf Fonds hält, hält nicht zwangsläufig fünf verschiedene Dinge. Ein Blick auf die zehn größten Positionen der eigenen Fonds genügt oft, um in mehreren davon dieselben fünf oder sechs amerikanischen Technologiewerte zu finden.

Neu ist all das nicht. Zuletzt fielen Aktien und Anleihen in den Siebzigerjahren über mehrere Jahre gemeinsam, zuletzt kürzer auch 2022. Der Gegner war beide Male die Inflation, nicht die Rezession. Wer daraus gelernt und breiter gestreut hat, ist gut durchgekommen.

Vier Dinge zum Mitnehmen

1. Die Einstimmigkeit ist die Nachricht, nicht der Viertelpunkt.
Zwölf zu null bei der ersten Erhöhung seit 2023 spricht für den Auftakt einer Serie, nicht für einen Einzelschritt. Die Projektionen sehen je eine weitere Erhöhung in diesem und im nächsten Jahr.

2. Rechnen Sie Ihren eigenen Sparzins einmal nach.
Nominalzins minus Abgeltungsteuer minus Inflation — bei 1,4 Prozent bleibt ein reales Minus von 1,9 Prozent im Jahr. Diese Rechnung dauert zwei Minuten und beantwortet die Frage, ob „sicher“ hier das richtige Wort ist.

3. Lesen Sie Zinsschritte künftig als Abstand, nicht als Höhe.
Nicht die Höhe des Leitzinses sagt, ob gebremst wird, sondern sein Abstand zum neutralen Zins. Zurzeit sind das zwei Zehntelprozentpunkte — trotz Erhöhung.

4. Zwei Bausteine sind in dieser Phase einer zu wenig.
Aktien und Anleihen reagieren derzeit auf denselben Auslöser. Ein drittes Bein aus Realwerten und cashflowstarken Unternehmen ist keine Wette auf eine Prognose, sondern die Antwort auf eine veränderte Statik.

Bleibt der Satz, der von dieser Folge am längsten tragen dürfte: Sicherheit, die nichts kostet, gibt es nicht. Sie zahlen sie nur nicht in roten Zahlen, die man sieht, sondern in Kaufkraft, die man erst über die Jahre spürt. Der Zins ist zurück, und das ist keine schlechte Nachricht — es ist das Ende einer Ausnahme, die eine ganze Anlegergeneration für den Normalfall gehalten hat. Unangenehm wird es allein für den, der sein Geld noch für diese Ausnahme angelegt hat.

„Sicherheit, die nichts kostet, gibt es nicht."

Wachsam in der Analyse, ruhig in der Ausführung — daran ändert auch ein steilerer Berg nichts.

Dieser Marktkommentar dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Stand der Daten: 25. September 2026;
Quellen: Federal Reserve (Zinsentscheid vom 16.09.2026), Federal Reserve Bank of New York (Schätzung des neutralen Zinses), Deutsche Bundesbank (Geldvermögen der privaten Haushalte), Statistisches Bundesamt (Inflationsrate), Marktdaten zu Bundesanleihen und Tagesgeldkonditionen, Gespräch in Folge 24 des Podcasts „entspannt investieren“.

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