Alle reden über ETFs, als gäbe es nichts anderes mehr. Dabei bilden sie laut einer BlackRock-Studie nur rund sechs Prozent des gesamten Kapitalmarkts ab. Ein nüchterner Blick auf das Aktiv-Passiv-Spiel – und auf die Frage, die wichtiger ist als beides.
von Tobias Gabriel & Joshua Pauls
Es war wieder eine Woche der Widersprüche. Die erneute Eskalation zwischen den USA und dem Iran – Präsident Trump erklärte die Waffenruhe für beendet, fast zeitgleich signalisierte Teheran neue Gesprächsbereitschaft – setzte dem zuvor stark gelaufenen DAX zu: minus 3,4 Prozent in wenigen Tagen. In den USA enttäuschte der Arbeitsmarkt und befeuerte Zinssenkungshoffnungen, während Fed-Chef Kevin Warsh bei einer EZB-Veranstaltung betont falkenhaft blieb: Die Preise seien schlicht zu hoch. Dazu ein scharfer Abverkauf bei den Chip-Werten – Samsung verlor 21 Prozent vom Juni-Hoch, der koreanische Leitindex Kospi zeitweise acht Prozent an einem Tag. Und trotzdem: Der Nasdaq liegt seit Jahresbeginn 11,3 Prozent vorn, der S&P 500 9,4 Prozent – Rekordstände inklusive.
Genau in diesem Umfeld lohnt eine Grundsatzfrage. Denn wer derzeit über Geldanlage spricht, hört meist nur drei Buchstaben: ETF. Sparplan einrichten, Index kaufen, fertig – so klingt der Ratschlag inzwischen fast überall. Umso bemerkenswerter eine Zahl aus unserer aktuellen Podcast-Folge: Laut einer BlackRock-Studie bilden ETFs nur rund sechs Prozent des gesamten Kapitalmarkts ab. Wahrnehmung und Realität klaffen weit auseinander. ETFs sind ein hervorragendes Werkzeug – auch wir setzen sie in unseren Vermögensverwaltungen gezielt ein. Problematisch wird es erst, wenn aus dem Werkzeug ein Dogma wird.
Ein Kuchen, zwölf Stücke, ein Nobelpreisträger
Wie viel ein aktiver Anleger dem Markt abringen kann, hat Nobelpreisträger William Sharpe schon in den Neunzigerjahren vorgerechnet: Die Outperformance der einen ist zwingend die Underperformance der anderen – Alpha ist ein Nullsummenspiel. Im Podcast haben wir dafür ein Bild bemüht: Der Markt ist ein Kuchen mit zwölf Stücken. Die passiven Investoren am Tisch nehmen sich schlicht ihr Stück – die Marktrendite. Die aktiven spielen um den Rest: Wer sich zwei oder drei Stücke sichert, lässt andere zwangsläufig leer ausgehen.
„Es gibt nicht mehr Kuchen zu verteilen, als da ist – und das gilt auch für die Märkte."
– Tobias Gabriel in Folge 14 des Podcasts "entspannt investieren"
Die Daten stützen das Bild. Nach der SPIVA-Studie von S&P schaffen es 98 Prozent der aktiv gemanagten Fonds über zehn Jahre nicht, ihre Benchmark zu schlagen. Und auch Anleger stehen sich selbst im Weg: Untersuchungen von Morningstar und Dalbar belegen eine „Behavior Gap“ von rund einem Prozentpunkt pro Jahr – das Investment macht zehn Prozent, sein Besitzer nur neun, weil er zwischendurch die Nerven verliert. Die Hirnforschung liefert die Erklärung: Rote Depotzahlen aktivieren im limbischen System dieselben Areale wie ein Bär, der hinter uns her ist. Angst, Panik, Flucht – der Dispositionseffekt lässt Anleger im Schnitt zum falschen Zeitpunkt aussteigen. Bemerkenswert: Diese Lücke trifft Profis wie Privatanleger gleichermaßen.
6 %
98 %
über 10 Jahre nicht (SPIVA)
~1 %-Pkt.
Wie passiv ist „passiv“ wirklich?
Der zweite blinde Fleck des ETF-Booms: Passiv ist selten wirklich passiv. Auf der ersten Ebene entscheiden Indexanbieter höchst aktiv, was in den Index kommt – jüngstes Beispiel SpaceX, für dessen vorgezogene Aufnahme die Nasdaq eigens ihre Regularien anpasste. Wer einen Nasdaq-ETF hält, wurde damit über Nacht SpaceX-Aktionär. Auf der zweiten Ebene trifft jeder Anleger mit der Wahl von Region oder Sektor selbst eine aktive Entscheidung – und sollte wissen, dass ein MSCI World zu rund 70 Prozent in Nordamerika investiert. Drittens ist die Gewichtung nach Marktkapitalisierung im Kern eine Momentum-Strategie: Was gut gelaufen ist, bekommt automatisch mehr Gewicht – Klumpenrisiken in den größten Titeln inklusive.
Die Geldströme laufen dennoch klar in eine Richtung: Allein in Europa flossen in den vergangenen vier Jahren rund 200 Milliarden in passive Strategien, während 240 Milliarden aus aktiven Fonds abflossen. Die Branche reagiert – aus nachvollziehbaren Margengründen. Klassische Index-ETFs kosten etwa 0,07 Prozent im Jahr, teils nur 0,03 Prozent; aktive ETFs liegen bei 0,5 bis 0,9 Prozent, klassische Publikumsfonds bei bis zu zwei Prozent und mehr. In den USA waren 2025 bereits 85 Prozent der neu aufgelegten ETFs aktiv – aber nur 35 Prozent der Zuflüsse folgten. Viel Angebot, verhaltene Nachfrage.
Die wichtigere Frage stellt kaum jemand
Die eigentliche Pointe der Folge liegt woanders: Die Debatte „aktiv oder passiv?“ zäumt das Pferd von hinten auf. Vor der Rendite stehen zwei andere Fragen – wie viel Liquidität brauche ich, und wie viel Schwankung halte ich aus, finanziell wie nervlich? Wer Anfang 60 ist, sollte kaum zu 100 Prozent im Aktienmarkt stehen; ein Rücksetzer von 30 oder 40 Prozent kann dann schmerzhaft werden. Aktivität im Portfolio rechtfertigt sich deshalb weniger über die Alpha-Jagd als über Handwerk: Absicherungen, klare Verlustgrenzen, ein bewusst gesteuertes Verhältnis von Risiko und Rendite – die Sharpe Ratio als Maßstab, nicht das Schlagen eines Index.
Der Denkfehler
„Nur noch ETF“
Indexwahl ist selbst eine aktive Entscheidung. Klumpenrisiken nach Marktkapitalisierung, volle Mitfahrt bei jedem Rücksetzer – unabhängig vom eigenen Risikoprofil.
Die HAC-Sicht
Werkzeug statt Weltanschauung
ETFs dort, wo sie sinnvoll sind – kombiniert mit handwerklicher Risikosteuerung: Absicherungen, Verlustgrenzen, ein Portfolio passend zum Anlegerprofil.
Und der Spaß? Bleibt erlaubt. Wer Freude daran hat, Märkte und Nachrichten zu verfolgen, darf neben einem soliden, breit gestreuten – ja: langweiligen – Kern von 80 bis 90 Prozent gern ein kleines „Spaßdepot“ führen. Man sollte nur ehrlich benennen, was es ist: der Casino-Anteil. Meistens gewinnt das Haus, aber das Erlebnis ist real – und die Börse bleibt der vielleicht beste Geschichtenerzähler überhaupt. Wie die Jahresringe eines Baumes erzählt jeder lange Kurschart Zeitgeschichte.
Zum Schluss die Denksportaufgabe aus der Folge, gern zum Mitknobeln: ein Kuchen, acht Personen, alle bekommen ein gleich großes Stück – aber es darf nur dreimal geschnitten werden. Wie kann das gehen? Die Auflösung gibt es in der nächsten Episode.
Dieser Artikel basiert auf dem HAC Podcast „Entspannt investieren“, Folge 14 (9. Juli 2026). Er dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. HAC VermögensManagement AG, Hamburg.