Zwischen KI-Hype und Hormuz-Blockade: Warum Ruhe die beste Strategie bleibt.
Liebe Anlegerinnen und Anleger,
Diesen Kommentar habe ich am Freitag begonnen – mit einer nüchternen Einordnung der Marktlage und der Frage, was die großen Themen für unser Portfolio sind. Am Samstagabend hat sich die Welt verändert: Die USA und Israel haben koordinierte Luftangriffe auf den Iran geflogen. Der Oberste Führer Ayatollah Khamenei wurde dabei offenbar getötet. Teheran hat mit Vergeltungsschlägen auf US-Basen in der gesamten Golfregion reagiert. Die Straße von Hormuz – durch die täglich rund 20 Millionen Barrel Öl fließen – ist faktisch blockiert.
Die Marktanalyse vom Freitag ist damit nicht falsch geworden – im Gegenteil, sie ist relevanter denn je. Aber sie verlangt nach einem Nachtrag. Deshalb finden Sie in diesem Kommentar beides: die strukturelle Einordnung, die vor der Krise galt, und die konkrete Lagebeurteilung, die jetzt dazukommt. Denn beides gehört zusammen.
Teil I: Die Ausgangslage – Wo wir vor dem Wochenende standen
Die Märkte im Februar 2026? Stürmisch, aber berechenbar – wenn man auf das richtige Gefährt gesetzt hat. Wir bei HAC verstehen uns als Kreuzfahrtschiff, nicht als Speedboot. Damit haben wir nicht nur die letzten 30 Jahre profitabel überlebt – Dotcom-Crash, Finanzkrise 2008 – sondern insbesondere auch die letzten fünf Jahre, die viele von Ihnen noch in den Knochen haben: die Liquiditätsorgie 2021, den Inflationshieb 2022, der das 60/40-Portfolio auseinandergenommen hat, und die KI-Euphorie ab 2023, die alles auf die Magnificent Seven fokussiert hat.
Jetzt drehen sich die Dinge. Die Medien springen zwischen Utopien und Apokalypsen hin und her, während die Realität irgendwo dazwischen liegt. Als Vermögensverwalter, der auf Regeln statt auf Gefühle setzt, frage ich: Was könnte schiefgehen? Und wie baue ich ein Portfolio, das das übersteht?
Beobachtung 1: KI – zwischen Hype und Realität
Das virale Szenario aus dem Citrini-Blog von der „Global Intelligence Crisis“ malt den KI-Teufel der nächsten Jahre an die Wand: Massenentlassungen bei White-Collar-Jobs, Konsumeinbruch, Hypotheken-Crash. Das Stück ist wirklich gut geschrieben und hervorragend recherchiert, aber es vergisst eine entscheidende Sache: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese linearen Prognosen genau so eintreten, liegt unter zehn Prozent. Deutlich wahrscheinlicher ist es, dass die Akteure am Markt – Unternehmen, Anleger, Staaten, Regulatoren – sich dynamisch an die veränderte Welt anpassen. CEOs von Software-Firmen werden kaum den Kopf in den Sand stecken.
Es wirkt für mich immer noch so, als verwechselten wir eloquente Chatbots mit echter Intelligenz, hielten KI für Magie und unterschätzten, wie langsam technologischer Wandel in der realen Wirtschaft ankommt. Gerade diejenigen, die tatsächlich dank KI kaum noch Code schreiben müssen, verwechseln bei ihren Prognosen für den Einfluss auf die echte Welt gerne Monate mit Jahren. Agenten kündigen schon Software-Abos und optimieren Preise, was Margen drückt. Aber die Wirtschaft ist ein träger Tanker, kein Speedboot. Die Produktivität steigt, Arbeitslosigkeit bleibt relativ niedrig, Neugründungen boomen. Vielleicht frisst KI ein paar Jobs, vielleicht sogar viele – aber sie schafft auch neue. Wer das ignoriert, zahlt drauf.
Beobachtung 2: Die Rückkehr des Physischen
Während sich die Tech-Welt in Bewertungsfragen verhäkelt, erlebt die physische Wirtschaft ein Comeback. Über Jahre standen Sektoren wie Energie, Grundstoffe und Industrie im Schatten, da Anleger vor allem auf kapitalarme („Asset-Light“) Geschäftsmodelle setzten. Nun feiert die Börse die Rückkehr des Greifbaren.
Geopolitische Spannungen – wie die massive US-Militärpräsenz im Golf mit zwei Flugzeugträgern in Schlagdistanz zum Iran – haben den Ölpreis seit Jahresbeginn um mehr als zehn Dollar auf über 70 Dollar je Barrel getrieben. Seit Oktober haben Energieaktien über 26 Prozent, Grundstoffe fast 23 Prozent und Basiskonsum über 15 Prozent zugelegt, während die Magnificent Seven rund sieben Prozent verloren haben.
Diese Rotation ist kein kurzfristiger Stimmungsumschwung, sondern der Beginn eines mehrjährigen Zyklus. Reindustrialisierung, Aufrüstung, der Ausbau von Rechenzentren und die Energiewende erfordern physische Güter – Stahl, Kupfer, Energie, Maschinen. KI läuft zwar in der Cloud, aber die Cloud steht auf der Erde. Ohne Kupfer keine Stromnetze, ohne Stromnetze keine Rechenzentren. Gold bleibt als monetärer Sicherheitsanker in einer multipolaren, krisenanfälligen Welt unverzichtbar.
Was „Risiko“ wirklich bedeutet
Risiko ist nicht die abstrakte Volatilität, sondern bekanntermaßen besteht es einzig und allein darin, dass „mehr passieren kann als passieren wird“. Märkte sind ein psychologisches Schlachtfeld. Gier pumpt Hype auf, Angst verkauft panisch. Verlustaversion macht blind für Chancen. Was könnte schiefgehen? Ein KI-Crash, der Software-Industrien umpflügt? Geopolitik, die Öl auf 100 Dollar treibt? Oder einfach nur eine Korrektur, weil alles zu teuer ist?
Wer versucht, diese Risiken rational zu quantifizieren, wird scheitern – aber dennoch müssen sie berücksichtigt werden. Deshalb bauen wir Systeme. Diversifikation findet bei uns nicht nur auf dem Papier statt, sondern über Ertragsquellen, Regionen und Anlageklassen. Anleihen bleiben ein Anker, wenn man genau selektiert und bei der Laufzeit aufpasst. Physische Assets schützen gegen Inflation. Value-Aktien machen langfristig am meisten Spaß und helfen gegen kurzfristige Hypes – wir nennen sie übrigens seit 30 Jahren „Marathon-Aktien“. Kein hektisches Umschichten, sondern diszipliniert bleiben. Wenn der Markt rotiert, bleiben wir ruhig – langfristig gewinnt der, der nicht ausflippt.
Teil II: Die Eskalation – Was das Wochenende verändert hat
Was ich am Freitag noch als hypothetisches Risiko formuliert habe – „Geopolitik, die Öl auf 100 treibt“ – ist seit Samstagabend deutlich konkreter geworden. Die Ereignisse im Überblick:
Am 28. Februar haben die USA und Israel koordinierte Angriffe auf iranische Militär- und Führungsinfrastruktur geflogen. Iranische Staatsmedien melden den Tod Khameneis. Der Iran hat mit Raketen- und Drohnenangriffen auf US-Basen in Katar, Kuwait, den VAE und Bahrain reagiert. Die Islamischen Revolutionsgarden haben eine vollständige Blockade der Straße von Hormuz erklärt. Der Tankerverkehr ist weitgehend zum Erliegen gekommen.
Zur Einordnung: Durch diese Meerenge fließen täglich rund 20 Millionen Barrel Öl – ein Fünftel des Weltverbrauchs. Dazu kommen 20 Prozent des globalen Flüssiggas-Handels. Es gibt keine maritime Alternative. Große Containerreedereien wie Maersk leiten ihre Schiffe bereits um das Kap der Guten Hoffnung, was 10 bis 14 Tage längere Transitzeiten bedeutet.
Drei Szenarien – und was sie für Ihr Vermögen bedeuten
Szenario 1: Schnelle Deeskalation.
Die Blockade erweist sich als taktisches Druckmittel. Diplomatie greift, der Ölpreis spikt kurzfristig und fällt dann zurück. Die Märkte erholen sich schnell – ähnlich wie im Juni 2025, als nach den israelischen Angriffen auf iranische Atomanlagen die Kurse innerhalb einer Woche auf Vorkrisenniveau zurückkehrten. Der iranische Außenminister hat am Sonntag bereits signalisiert, dass sein Land keine Absicht habe, die Straße dauerhaft zu schließen. Wer in der Panik verkauft hat, hat in diesem Szenario Geld verloren. Wer geblieben ist, nicht.
Szenario 2: Anhaltende Spannungen über Wochen.
Die Blockade hält teilweise an, Versicherungsprämien für Tanker bleiben auf Krisenniveau, der Ölpreis pendelt sich über 90 Dollar ein. Inflation kehrt zurück, Zentralbanken stehen vor schwierigen Entscheidungen. Energieaktien und Rüstungswerte steigen weiter, Tech und zyklischer Konsum geraten unter Druck. In diesem Szenario kommt es auf die richtige Portfoliostruktur an – nicht auf hektische Umschichtungen.
Szenario 3: Vollständige Eskalation.
Ein längerer militärischer Konflikt mit anhaltender Hormuz-Blockade. Analysten sprechen in diesem Fall von einer garantierten globalen Rezession. Ölpreise über 110 Dollar, massive Nachfragezerstörung, weltweiter Abschwung. Dieses Szenario ist das unwahrscheinlichste, denn keine Seite hat ein Interesse an einer Weltwirtschaftskrise. Aber es ist nicht auszuschließen – und deswegen planen wir dafür.
Teil III: Keine Fehler machen – statt heiße Picks zu jagen
Ich sage Ihnen ganz offen: Ich weiß nicht, welches Szenario eintritt. Niemand weiß das. Und jeder, der Ihnen morgen mit Überzeugung sagt, was Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, tut so, als hätte er eine Kristallkugel.
Was ich aber weiß – und was 30 Jahre Kapitalmarktgeschichte zeigen – ist Folgendes: Die größten Vermögensverluste entstehen nicht durch Krisen. Sie entstehen durch falsche Reaktionen auf Krisen.
Der Anleger, der im März 2020 in der Corona-Panik alles verkauft hat, hat die schnellste Markterholung der Geschichte verpasst. Wer nach dem Beginn des Ukraine-Krieges in Energieaktien umgeschichtet hat, hat oft die Spitze gekauft. Und wer im Juni 2025 nach den ersten Iran-Angriffen panisch reagiert hat, musste zusehen, wie die Märkte innerhalb von Tagen wieder auf Vorkrisenniveau notierten.
Das Muster ist immer dasselbe: Schlagzeilen erzeugen Angst. Angst erzeugt Handlungsdruck. Handlungsdruck führt zu überstürzten Entscheidungen. Und überstürzte Entscheidungen kosten Geld.
Die HAC Allwetter-Strategie: Gebaut für genau diesen Moment
Was ich am Freitag über die Rückkehr physischer Assets, über Diversifikation und über Marathon-Aktien geschrieben habe, war keine Prognose für das Wochenende. Es war eine Beschreibung dessen, wie wir Ihr Portfolio seit Jahren aufbauen – und warum es gerade jetzt seine Stärke zeigt.
Unsere Allwetter-Strategie wurde nicht für Schönwetterzeiten konzipiert. Sie wurde für Momente wie diesen gebaut – für Zeiten, in denen niemand weiß, was als Nächstes kommt. Das Prinzip: Wir halten Ihr Portfolio so aufgestellt, dass es in jedem der drei Szenarien funktioniert – nicht optimal für eines, sondern robust für alle.
Konkret: Unsere Goldposition, die wir seit Langem als strukturellen Baustein halten, federt den geopolitischen Schock ab. Unsere Anleihekomponente profitiert von der Flucht in sichere Häfen. Unsere Energieexposure partizipiert an steigenden Rohstoffpreisen. Und unsere Marathon-Aktien – Qualitätsunternehmen mit starken Bilanzen und Preissetzungsmacht – überstehen auch eine Phase erhöhter Inflation besser als der breite Markt.
Wer ein Portfolio baut, das erst bei Sonnenschein funktioniert, hat kein Portfolio – er hat eine Wette.
Was wir tun – und was nicht
Wir werden nicht in Hektik verfallen. Wir werden die Lage sorgfältig beobachten und prüfen, ob sich durch die veränderte Situation taktische Anpassungen innerhalb unserer Allwetter-Struktur ergeben – zum Beispiel eine leichte Verschiebung der Gewichtungen, wenn einzelne Bausteine nach dem Schock zu günstig oder zu teuer geworden sind.
Was wir nicht tun werden: panisch verkaufen, auf heiße Tipps setzen oder versuchen, den Markt zu timen. Das überlassen wir den Spekulanten und den Kommentatoren. Unser Job ist es, Ihr Vermögen zu schützen – nicht, Schlagzeilen zu produzieren.
Zum Schluss
Die Roaring 2020s laufen weiter, getrieben von Produktivität und Strukturwandel. Die Welt wird durch KI weder morgen untergehen noch übermorgen alle Probleme lösen. Und auch die aktuelle Krise im Golf wird die Weltwirtschaft nicht dauerhaft zum Stillstand bringen. Wir befinden uns in einer Phase eines gewaltigen, aber langwierigen technologischen, demografischen und geopolitischen Umbaus.
Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie uns an. Dafür sind wir da. Wir werden in den kommenden Tagen ein ausführliches Markt-Update nachreichen, sobald sich die Lage klarer darstellt.
Bis dahin gilt das, was in jeder Krise gilt, aber selten befolgt wird: Ruhe ist keine Untätigkeit. Ruhe ist eine Strategie.
Mit besten Grüßen
Tobias Gabriel
Vorstand, HAC VermögensManagement AG
Tobias Gabriel
Vorstand
Tobias Gabriel startete seine Karriere schon während des Studiums bei HAC. Heute leitet er als Vorstand das Asset Management und die Betreuung privater Mandate. Neben Finanzen faszinieren ihn Naturwissenschaften, Architektur und das Strategiespiel Go.


